Reformpläne, Windkraft-Potenzial und Strategie-Update: Vorstand und Beirat der IV Tirol diskutierten mit Staatssekretär Schellhorn und der IG Windkraft. Im Fokus stand die Frage, wie der Standort im Zangengriff zwischen hohen Energiekosten und bürokratischen Hürden wieder an Tempo gewinnen kann.
Zum Auftakt des Arbeitsjahres 2026 versammelten sich die die Mitglieder des Vorstands und Beirats der IV Tirol zu einer kritischen Bestandsaufnahme. Die Agenda der Sitzung am 3. Februar 2026 spannte den Bogen von der Bundespolitik über die heimische Energieversorgung bis hin zur langfristigen Strategie des Standorts. Zu Gast war Staatssekretär Sepp Schellhorn, der die budgetäre Lage des Bundes ungeschönt darlegte: Die Notwendigkeit der staatlichen Konsolidierung ist so akut, dass für die kommenden drei Jahre kaum Spielraum für eine Entlastung beim Faktor Arbeit besteht. Angesichts der fehlenden finanziellen Spielräume verlagert sich der Schwerpunkt der Regierungsarbeit auf strukturelle Reformen. Schellhorn definierte zwei zentrale Prinzipien, die er politisch durchsetzen will: Mit einer „Sunset Clause“ sollen Gesetze künftig ein Ablaufdatum erhalten, um den wuchernden Paragraphendschungel dauerhaft zu lichten. Flankierend dazu soll das „One-in-Two-out“-Prinzip verankert werden – für jedes neu beschlossene Gesetz müssen zwei bestehende gestrichen werden. Kurzfristig sollen 113 Maßnahmen aus dem ersten Entbürokratisierungspaket, das im Dezember gestartet wurde, den Betrieben Luft verschaffen. Ein zweites Paket mit Fokus auf das Wirtschaftsrecht wurde für den Sommer angekündigt.
Ausgabendisziplin und Amtsverständnis
In der anschließenden Diskussion thematisierte Präsident Max Kloger die Diskrepanz zwischen staatlichen Rekordeinnahmen und den fehlenden Spielräumen für Entlastungen. Die Diagnose war klar: Der Staat hat kein Einnahmen-, sondern ein massives Ausgabenproblem. Kloger forderte, dass Entbürokratisierung zwingend mit einem Personalabbau einhergehen müsse, um den „Selbsterhaltungstrieb des Apparats“ zu bremsen. Scharfe Kritik kam aus dem Kreis des Vorstands an der gelebten Verwaltungspraxis. So würden Gesetze wie das „Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz“ durch definierte Schwellenwerte oft zu neuen Bürokratiefallen mutieren. Das Grundproblem liege tief in der Struktur: Solange Ressourcen in eine aufgeblähte Verwaltung fließen, werden Prüfungen künstlich ausgeweitet. Diagnostiziert wurde eine systemische „Absicherungsmentalität“ im Beamtentum, in der Fehlervermeidung oft höher bewertet wird als das Ermöglichen von Projekten. Da ein echter Kulturwandel in den Amtsstuben Zeit braucht, seien schlankere und widerspruchsfreie Gesetze die einzig wirksame Medizin.
Faktencheck durch IG Wind
Einen datenbasierten Konter gegen gängige Mythen lieferte Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft. Seine Potenzialanalyse zeigte: Tirol verfügt technisch über ein Windkraft-Potenzial von 1.380 MW. Das entspricht einer Jahreserzeugung von rund 3 Terawattstunden und könnte 50 Prozent des Tiroler Stromverbrauchs decken – ein Vielfaches der in der Landesstrategie anvisierten 300 Gigawattstunden. Maringer verwies auf die geringe Flächeninanspruchnahme von lediglich 0,5 Prozent der Landesfläche und die strategische Bedeutung der Windkraft, da sie zwei Drittel ihrer Leistung im Winter liefert und so die Wasserkraft antizyklisch ergänzt. Auf die Frage nach den bislang fehlenden Projekten verwies Maringer auf die schwierigen Rahmenbedingungen im Westen, zeigte sich jedoch optimistisch bezüglich der Haltung von Landeshauptmann Mattle. In der Diskussion hinterfragte Präsident Max Kloger, warum in Tirol bislang kaum Projekte realisiert würden. Maringer nannte die schwierigeren Rahmenbedingungen im Westen, zeigte sich aber optimistisch bezüglich der Haltung von Landeshauptmann Mattle. Die Energieexperten im Vorstand diskutierten zudem die technischen und systemischen Herausforderungen. Eine deutliche Warnung gab es in Richtung Bundespolitik: Der notwendige Netzausbau und Speicherbedarf könne nicht finanziert werden, wenn die Politik die Kosten für den geplanten Industriestrompreis einseitig auf die Energiewirtschaft abwälze. Dies gefährde die Bonität der Versorger – der Ausblick des Verbund steht bereits auf „negativ“ – und damit die Energiewende insgesamt.
„Next Public“: Das Big Picture für die Verwaltung von morgen
Ein weiteres Highlight der Sitzung war die Präsentation von Simon Meinschad, IV-Tirol-Vizepräsident und Geschäftsführer von hollu Systemhygiene. Er stellte das Visionspapier „Next Public“ vor, das gemeinsam von IV Tirol und Wirtschaftskammer Tirol als Antwort auf die Unzufriedenheit mit der Ausrichtung und dem Tempo der Umsetzung des Tirol Konvents erarbeitet wurde. Da wirtschaftliche Anliegen dort zu kurz kamen, entwickelten die Interessenvertretungen ein eigenes strategisches Big Picture. Das Konzept bricht radikal mit dem bloßen Reparieren bestehender Abläufe. Das Papier, das demnächst der Landesspitze präsentiert wird, basiert auf Werten wie Serviceorientierung und einer neuen Vertrauenskultur nach dem Prinzip „Beraten statt Strafen“. Inhaltlich fordert das Konzept ein radikales Neudenken anhand klarer Designprinzipien: „Digital by Design“ für papierlose Abläufe, „Once-Only“ gegen Mehrfachmeldungen und „Assisted Digital“ als Hybrid-Lösung. Im Zentrum steht ein neues Leistungsversprechen der Verwaltung, das auf echte „One-Stop-Shops“ und die direkte Anerkennung von Fachbestätigungen durch Experten setzt, um Doppelgleisigkeiten zu beenden.
Industriestrategie: Richtiger Kompass, falscher Zeitplan
Im Anschluss unterzog Präsident Max Kloger die „Industriestrategie 2035“ des Bundes einer kritischen Analyse. Das Befund fällt ambivalent aus: Die Vision, Österreich wieder unter die Top-10-Industrieländer zu führen, ist richtig und wird von der Industrie mitgetragen. Doch der Weg dorthin bleibt in entscheidenden Punkten unscharf. Sorge bereitet die Asymmetrie zu Deutschland. Während das Nachbarland rund 30 Milliarden Euro für einen Systemwechsel bei den Energiekosten mobilisiert und etwa die Netzentgelte übernimmt, antwortet Österreich mit einem auf 250 Millionen Euro begrenzten Modell. Ein Start der Maßnahmen erst 2027 komme für viele Betriebe zu spät – die Entlastung müsse auf 2026 vorgezogen werden. Ebenso deutlich ist der Befund zum Faktor Arbeit: Die Vision einer Top-10-Platzierung lässt sich ohne eine Senkung der Lohnnebenkosten nicht realisieren; das Ausgabenproblem des Staates darf nicht zum dauerhaften Standortproblem werden. Kloger kündigte an, dass die IV Tirol die weitere Umsetzung der Strategie eng begleiten und als konstruktiver Mahner auftreten werde.
Objektive Standortbestimmung
Geschäftsführer Michael Mairhofer gab einen Ausblick auf das Arbeitsjahr. Einen entscheidenden Realitätscheck bringt die Sonderauswertung des „Regional Competitiveness Index“ (RCI). Die neuen Daten für 2026 dienen als objektiver Maßstab, um das „Strategische Aktionsprogramm 2030“ der IV Tirol zu evaluieren. Das Ziel ist ambitioniert: Tirol soll bis 2030 in die Liga der Top-20-Industrieregionen Europas aufsteigen – die kommende Analyse wird zeigen, ob die Maßnahmen und Projekte des Aktionsprogramms der IV Tirol greifen. Organisatorisch setzt die IV auf Kontinuität: Aufgrund der hervorragenden medialen Berichterstattung und der Positionierung als erstes großes Event des Jahres wurde der 5. Jänner auch für 2027 als Fixtermin für den Neujahrsempfang bestätigt. Ein konkreter Erfolg der IV-Arbeit zeigt sich zudem im Bildungsbereich: Am 6. Februar startet am MCI der neue Zertifikats-Lehrgang „Digitalisierungs- & Automatisierungsmanager:in“. Das als Leuchtturmprojekt vom Land Tirol geförderte Format geht auf eine Initiative der IV-Funktionäre Rainer Haag und Markus Grud zurück. Es zielt darauf ab, Fachkräfte berufsbegleitend und praxisnah für die operative Umsetzung der digitalen Transformation zu qualifizieren.
Im Rahmen der Sitzung wurde zudem Markus Hildmann (Vorstand Hypo Tirol Bank AG) einstimmig als neues Mitglied in den Beirat der IV Tirol gewählt.


