Sicherheitsrisiken, MINT-Nachwuchs und ein genauer Blick auf die wirtschaftliche Lage der Betriebe prägten die Sitzung am 28. April. Energiepreise, Industriestrategie und neue bürokratische Belastungen wie die Entgelttransparenzrichtlinie zeigten, wie stark politische Entscheidungen derzeit auf Planung und Investitionen wirken.
Im Haus der Tiroler Industrie trafen zwei externe Impulse auf ein nüchternes Lagebild aus den Betrieben. Omar Haijawi-Pirchner, früherer Direktor der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst und damit oberster Staatsschützer Österreichs, ordnete als Gründer von HP Consulting ein, warum Spionage, Desinformation, Cyberangriffe und organisierte Kriminalität für Industrieunternehmen an Gewicht gewinnen. Therese Niss und Verena Aichholzer von der MINTality Stiftung legten dar, weshalb MINT-Fachkräfte nicht erst bei der Lehrlingssuche gewonnen werden. Die Berichte aus den Unternehmen machten sichtbar, dass bessere Erwartungen allein noch keine Entspannung bringen, solange Kosten, Lieferketten, Verfahren und Regulierung die Planung erschweren.
Industriesicherheit im geopolitischen Umfeld
Haijawi-Pirchner ordnete die veränderte Sicherheitslage für Industrieunternehmen aus seiner sicherheitsbehördlichen Erfahrung und seiner heutigen Beratungspraxis ein. Betriebe werden durch Know-how, Daten, Produktionsprozesse und Lieferketten nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sicherheitspolitisch relevanter. Damit geraten sie stärker in den Blick staatlicher Akteure, organisierter Kriminalität und professioneller Täterstrukturen. Die Risiken reichen weit über klassische Cyberangriffe hinaus. Spionage, Desinformation, Sabotage, Social Engineering und Insiderzugänge können Unternehmen technisch, wirtschaftlich und kommunikativ treffen. Haijawi-Pirchner riet den Betrieben, Sicherheit nicht nur als IT- oder Compliance-Aufgabe zu behandeln. Entscheidend sei, Risiken früh einordnen zu können, klare Entscheidungswege vorzubereiten und in Krisen handlungsfähig zu kommunizieren. Wer erst im Anlassfall Zuständigkeiten kläre, verliere wertvolle Zeit und oft auch Deutungshoheit.
Mehr Mädchen für MINT gewinnen
Therese Niss und Verena Aichholzer stellten die Arbeit der MINTality Stiftung vor. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie mehr Mädchen und junge Frauen für technische Ausbildungswege gewonnen und langfristig in MINT-Bildungs- und Berufswegen gehalten werden können. Der zentrale Punkt: MINT-Nachwuchs entsteht nicht durch einzelne Aktionstage, sondern durch wiederholte positive Erfahrungen, realistische Rollenbilder und altersnahe Role Models. MINTality setzt deshalb entlang der Bildungskette an – von der Unterstufe über Lehre und HTL bis zu Studium und Beruf. Für Tirol sieht die Stiftung gute Voraussetzungen durch aktive MINT-Regionen, die MINT-Landeskoordinationsstelle, engagierte Schulen, Unternehmen und eine starke industrielle Basis. IV-Tirol-Präsident Max Kloger betonte, dass mehr Mädchen in MINT-Berufen für die Tiroler Industrie ein zentrales Zukunftsthema bleiben.
Aufhellung mit Vorbehalt
Im Bericht des Präsidenten stand zunächst der aktuelle IV-Tirol-Geschäftsklimaindex im Mittelpunkt. Dieser ist im 1. Quartal 2026 überraschend nochmals leicht auf 33,0 Punkte gestiegen. Max Kloger ordnete die Verbesserung jedoch differenziert ein: Während die Erwartungen für die kommenden Monate deutlich positiver ausfallen, bleibt die aktuelle Lage in vielen Betrieben angespannt. Weiterhin melden 30 Prozent der befragten Unternehmen eine schlechte Geschäftslage. Der Präsident verwies in diesem Zusammenhang auch auf die aktuellen Wirtschaftsprognosen. WIFO und IHS haben ihre Erwartungen für das reale BIP-Wachstum 2026 infolge des Iran-Kriegs gesenkt. Auch Raiffeisen Research kalkuliert für 2026 vorsichtiger als zuvor. Für die Betriebe bedeutet diese Gemengelage: Bessere Erwartungen werden nur dann zu Produktion, Investitionen und Beschäftigung, wenn Kosten- und Planungslage verlässlicher werden. Neben der konjunkturellen Einordnung berichtete Kloger über den Vorsitzwechsel in der Jungen Industrie. Eduard Fröschl jun. wurde zum Bundesvorsitzenden der Jungen Industrie gewählt. Damit übernimmt erstmals ein Tiroler diese Funktion. Für die Tiroler Industrie ist das eine Chance, die Perspektive junger industrieller Verantwortungsträger stärker auf Bundesebene einzubringen.
Energiepreise und Bürokratie als Prüfsteine
Einen weiteren Schwerpunkt im Bericht des Präsidenten bildete die Industriestrategie der Bundesregierung. Kloger machte deutlich, dass die IV die Umsetzung der angekündigten Maßnahmen konsequent verfolgen wird. Ein Instrument dafür ist das Industriestrategiebarometer, das den Fortschritt der in der Industriestrategie angekündigten Maßnahmen öffentlich sichtbar macht. Mit Stand 10. April weist das Barometer sieben umgesetzte von insgesamt 117 Maßnahmen aus. Besonders beim Industriestrompreis sieht der IV-Tirol-Präsident raschen Handlungsbedarf. Nach dem Stromkosten-Ausgleichsgesetz als erstem Entlastungsschritt verschärft die deutsche Entscheidung für ein breiteres Entlastungsmodell den Druck auf Österreich. Deutschland plant ein mit 3,8 Mrd. Euro dotiertes Modell, das rückwirkend ab 1. Jänner 2026 gelten und für bis zu 50 Prozent des Stromverbrauchs auf rund 5 Cent pro Kilowattstunde entlasten soll. Für Unternehmen im direkten Wettbewerb mit deutschen Betrieben reicht daher eine Ankündigung nicht aus. Der österreichische Industriestrompreis muss rasch konkretisiert werden und darf nicht erst 2027 Wirkung entfalten. Ebenso kritisch bewertete Kloger die EU-Entgelttransparenzrichtlinie und deren nationale Umsetzung. Gleiche Bezahlung für gleiche Leistung sei ein richtiges Ziel. Eine überschießende Umsetzung drohe jedoch neue Bürokratielast, zusätzliche Rechtsunsicherheit, Auskunfts- und Dokumentationspflichten sowie Eingriffe in betriebliche Vergütungsstrukturen auszulösen. Die IV Tirol unterstützt daher die Bemühungen der Bundes-IV, eine praxistaugliche Lösung sicherzustellen und zusätzliche Belastungen für die Betriebe zu verhindern.
Kosten und Märkte unter Druck
Die Unternehmensrunde machte deutlich: Die Lage der Tiroler Industrie bleibt uneinheitlich. Einige Betriebe halten Aufträge und Nachfrage stabil, andere spüren schwache Märkte, Investitionszurückhaltung, Preisdruck und Unsicherheit in zentralen Absatzmärkten. Besonders deutlich wurde die Belastung durch Kosten. Energie, Rohstoffe, Treibstoffe, Logistik, Löhne und regulatorische Zusatzlasten wirken auf Liquidität, Margen und Wettbewerbsfähigkeit. Der Iran-Krieg verschärft diese Unsicherheit zusätzlich. Veränderungen globaler Handelsströme, die US-Zollpolitik, Überkapazitäten in Asien und Abhängigkeiten von einzelnen Beschaffungsmärkten beeinflussen Preise, Lieferketten und Versorgungssicherheit. Auch die Branchenlage bleibt unterschiedlich. Bau und baunahe Bereiche sind weiterhin besonders herausfordernd; hier bremsen schwache Nachfrage, verzögerte Entscheidungen der öffentlichen Hand und fehlendes Volumen. Stabiler laufen einzelne Spezialsegmente, internationale Märkte und Geschäftsfelder, die weniger stark vom Bau- oder Konsumumfeld abhängen. Ein wiederkehrendes Thema waren Arbeitskosten und Lohnverhandlungen. In mehreren Branchen besteht die Sorge, dass weitere Kostensteigerungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich schwächen. Automatisierung, Digitalisierung und der Einsatz von KI werden damit zur Pflicht, nicht zur Kür. Sie helfen, Effizienz zu erhöhen und Prozesse zu stabilisieren, können die strukturellen Kostennachteile des Standorts aber nicht dauerhaft auffangen.
Strategisches Aktionsprogramm als Rahmen
IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer berichtete über zentrale Arbeitsfelder der Landesgruppe im Rahmen des Strategischen Aktionsprogramms 2030. Eine wichtige Orientierung bringt im ersten Halbjahr 2026 die neue Auswertung des Regional Competitiveness Index der Europäischen Kommission. Sie soll zeigen, wo Tirol im europäischen Vergleich Fortschritte erzielt hat und wo Projekte nachgeschärft werden müssen. Das Aktionsprogramm verbindet langfristige Strukturfragen mit konkreten Vorhaben. Besonders relevant bleibt die Verwaltungs- und Verfahrensvereinfachung. Im Rahmen des Tirol Konvents bringt die IV Tirol gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Tirol das Positionspapier „Next Public“ ein. Der Anspruch geht über die Digitalisierung bestehender Abläufe hinaus: Verfahren sollen schneller, klarer und konsequenter digital geführt werden. Mit „Digital Only“ und der digitalen Verfahrensplattform des Landes stehen dafür zwei konkrete Hebel im Mittelpunkt. Auch bei den betrieblichen Vorsorgeflächen wurde ein weiterer Schritt gesetzt. Das Konzept wurde der Landesspitze vorgestellt und soll nun mit den zuständigen Fachabteilungen weiterbearbeitet werden. Ziel ist es, Erweiterungs- und Entwicklungsflächen für Betriebe strategisch und rechtlich sauber abzusichern. Gerade in Tirol entscheidet diese Frage wesentlich mit, ob Unternehmen investieren und wachsen können. Als langfristiges Sichtbarkeitsprojekt wird das „Haus der Zukunft Tirols“ unter dem Arbeitstitel „Science Center Tirol“ gemeinsam mit Universität Innsbruck und Tiroler Landesmuseen weiterentwickelt. Ergänzend informierte Mairhofer über die Technologiereise in die Schweiz, den bevorstehenden Industriedialog mit Bundeskanzler Christian Stocker, die Kampagne „Made by Industrie“ und die flugtechnische Erreichbarkeit Innsbrucks, die politisch weiter Thema bleibt.
Neue Stimme im Beirat
Im Rahmen der Sitzung wurde außerdem Matthias Zitterbart von DAKA neu in den Beirat der IV Tirol aufgenommen. Zitterbart war zuvor bereits im Vorstand der Jungen Industrie aktiv. Er will sich künftig in die Arbeit der IV Tirol einbringen und dort mitarbeiten, wo seine unternehmerische Erfahrung und sein fachlicher Hintergrund gefragt sind. Für die weitere Arbeit der IV Tirol liegt der Schwerpunkt damit dort, wo die Themen der Sitzung zusammenlaufen: bei verlässlichen Energiepreisen, praxistauglicher Regulierung, schnelleren Verfahren, verfügbaren Entwicklungsflächen und einem breiteren Zugang zu MINT-Fachkräften. Aus den Rückmeldungen der Betriebe wird damit ein konkreter politischer Arbeitsauftrag für die kommenden Wochen.


