Die neuerliche Verzögerung beim Brenner Basistunnel zeigt, wie groß die Lücke zwischen politischen Verlagerungszielen und der Realität im Güterverkehr weiterhin ist. Der BBT ist für Tirol das zentrale Infrastrukturvorhaben und die größte Chance auf eine spürbare Entlastung entlang der Brennerroute. Entscheidend wird sein, ob seine Nutzung schon jetzt politisch vorbereitet wird.
Die aktuellen Zahlen vom Brenner machen die Größenordnung des Problems einmal mehr sichtbar: Im ersten Quartal 2026 passierten knapp 2,94 Millionen Fahrzeuge die Hauptmautstelle Schönberg, um gut 81.000 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Etwas mehr als 637.000 Sattelschlepper und Lkw mit Anhänger wurden gezählt, ein Plus von knapp 4,5 Prozent. Auch der Pkw-Verkehr legte wieder zu. Gerade deshalb greift die Debatte zu kurz, wenn sie sich vor allem um Baufortschritt, Zeitpläne und Zuständigkeiten dreht. Viel entscheidender ist, ob der Güterverkehr auf der Schiene nach der Inbetriebnahme des BBT überhaupt so funktioniert, dass der Tunnel im Alltag jene Wirkung entfalten kann, die seit Jahren versprochen wird.
Tunnel allein reicht nicht
„Der Brenner Basistunnel ist die größte Chance, Tirols Bevölkerung entlang der Brennerroute spürbar zu entlasten. Diese Wirkung wird aber nur dann eintreten, wenn der Schienengüterverkehr entlang des Korridors planbar, verlässlich und technisch wie regulatorisch abgestimmt funktioniert. Wer den BBT als Lösung nennt, muss deshalb schon heute die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Güterverkehr ihn nach der Inbetriebnahme auch tatsächlich nützen kann“, betont Matthias Danzl, EGGER-Werk St. Johann und IV-Tirol-Verkehrsexperte.
Die öffentliche Debatte, geführt vor allem von Politik und Medien, reduziert das Thema zu oft auf die Frage des Wollens. Wer so tut, als scheitere die Verlagerung vor allem am mangelnden Willen der Wirtschaft oder an einer angeblich blockierenden Frächterlobby, blendet die eigentlichen Probleme aus. Die Lkw-Erhebung Tirol 2024 des Landes Tirol zeigt vielmehr, dass 63 Prozent der Fahrten auf Durchgangsverkehr entfallen. Der übrige Anteil steht in erheblichem Maß mit regionaler Versorgung, Produktion und Wertschöpfung in Zusammenhang. Eine seriöse Debatte muss diese Unterschiede sauber benennen, statt die Wirtschaft pauschal zum Gegner der Verlagerung zu erklären. „Wer über Transit spricht, darf nicht nur über Belastung sprechen, sondern muss auch die wirtschaftliche Funktion der Brennerroute für Tirol, seine Industrie und den europäischen Binnenmarkt anerkennen. Eine ernsthafte Transitpolitik muss die Belastung für die Bevölkerung senken und zugleich die Funktionsfähigkeit für die Wirtschaft sichern“, betont Danzl.
Praxis statt Parolen
Der Engpass liegt nicht in der Bereitschaft zur Verlagerung, sondern in den Bedingungen, unter denen sie wirtschaftlich funktionieren soll. Das zeigt auch der aktuelle Verkehrsbericht des Landes Tirol: Am Brenner wurden zuletzt 12,79 Millionen Netto-Nettotonnen auf der Schiene transportiert; laut vorläufigen Zahlen entspricht das einem Rückgang von 0,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig hat der Schwerverkehr auf der Brennerautobahn im ersten Quartal 2026 wieder deutlich zugelegt. Wie unmittelbar sich diese Schieflage in der Praxis auswirkt, zeigt auch die Insolvenz der Nothegger Transport Logistik GmbH. Nothegger hat stark auf intermodale Lösungen und Schienengüterverkehr gesetzt. Gerade daran wird sichtbar, dass über Verlagerung nicht in Sonntagsreden entschieden wird, sondern im betrieblichen Alltag.
Jetzt braucht es politische Verantwortung
Die Politik darf sich nicht darauf beschränken, den BBT als künftige Lösung zu preisen. Sie muss die schnellstmögliche Fertigstellung und vor allem die spätere Wirksamkeit des Brenner Basistunnels für die Verlagerung des Transitverkehrs auf die Schiene sicherstellen. Dazu gehört, die Befüllung des Tunnels mitzudenken, die notwendigen Zu- und Abläufe technisch sicherzustellen und die dafür erforderliche Infrastruktur rechtzeitig vorzubereiten. „Die entscheidende Frage ist nicht, wann der BBT eröffnet werden kann, sondern ob seine Inbetriebnahme am Ende auch das hält, was seit Jahrzehnten versprochen wurde“, betont Danzl. Ebenso notwendig ist ein abgestimmtes Vorgehen mit den Nachbarn entlang der Brennerroute. Österreich, Deutschland, Italien und die Europäische Union müssen die technischen, regulatorischen und betrieblichen Voraussetzungen für einen funktionierenden Schienengüterverkehr endlich konsequent aufeinander abstimmen. Tirol kann das Transitproblem nicht im Alleingang lösen. Es braucht mehr Pragmatismus, mehr politischen Nachdruck und mehr ernsthafte Zusammenarbeit. Streitigkeiten über ins Leere gehende Blockademaßnahmen sind kontraproduktiv und binden Ressourcen, die für die Gestaltung der Zukunft des Warenverkehrs wesentlich sinnvoller eingesetzt wären. Nur dann wird der Brenner Basistunnel zu dem, was er für Tirol sein muss: ein wirksamer Hebel für weniger Verkehr auf der Straße und mehr Leistungsfähigkeit auf der Schiene.


