Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Die Eskalation im Nahen Osten zeigt drastisch, wie eng globale Konflikte und die heimische Wettbewerbsfähigkeit miteinander verwoben sind. Wenn die Blockade zentraler Öl- und Gasrouten die Energiepreise in die Höhe treibt, droht dem Industriestandort der nächste massive Inflationsschub.
Geopolitische Krisen schlagen auf den globalen Energiemärkten sofort durch. Derzeit blockiert der Iran die Straße von Hormus – ein strategisches Nadelöhr, über das normalerweise rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und Flüssiggas-Transporte abgewickelt werden. Das Kalkül hinter dieser Blockade ist klar: Der Konflikt soll für die Weltwirtschaft so teuer wie möglich werden und dadurch Druck auf Israel und die USA aufbauen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Die Einschläge dieser Taktik sind auf den internationalen Handelsplätzen unmittelbar spürbar: Der Ölpreis kletterte zeitweise auf rund 119 Dollar pro Barrel, während sich Erdgas um bis zu 60 Prozent verteuerte. Wenn sich diese fossilen Rohstoffe derart drastisch verteuern, schlägt das über das europäische Marktdesign unweigerlich auf die Produktionskosten der Betriebe durch. Der Grund dafür ist das sogenannte Merit-Order-Prinzip der europäischen Preisbildung: Auf dem Strommarkt bestimmt stets das teuerste noch benötigte Kraftwerk den finalen Strompreis – und das ist in der Regel ein Gaskraftwerk. Steigt also der Gaspreis kriegsbedingt an, explodieren unweigerlich und parallel dazu die Stromkosten für die produzierende Industrie.
Die Systematik der Lohn-Preis-Spirale
Dieser externe Preisschock setzt eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang. Nach drei Jahren Industrierezession – der längsten der Nachkriegszeit – kommt die Energiekrise zur absoluten Unzeit. Gerade als Wirtschaftsforscher für das laufende Jahr erstmals wieder eine leichte konjunkturelle Erholung prognostizierten, wird dieser zarte Aufschwung durch die neue Kostenlawine massiv bedroht. Wenn Energie abrupt teurer wird, treibt das die allgemeine Inflation quer durch alle Sektoren sofort wieder in die Höhe. Österreich zählte in den vergangenen Jahren bereits zu den europäischen Spitzenreitern bei der Teuerung, was gravierende Konsequenzen für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit nach sich zieht: Die historisch hohe heimische Inflation bildete die direkte Basis für die jährlichen Lohn- und Gehaltsverhandlungen, weshalb die Kollektivvertragsabschlüsse der letzten Jahre extrem hoch ausfielen. Wenn Löhne jedoch stark steigen, ohne dass im selben Ausmaß mehr industrielle Wertschöpfung generiert wird, treibt das zwingend die Lohnstückkosten nach oben. Die nackten Zahlen belegen diese gefährliche Diskrepanz glasklar: Seit dem Jahr 2016 sind die Lohnstückkosten in Österreich um 34,6 Prozent gestiegen, während die Produktivität der heimischen Wirtschaft lediglich um bescheidene 5,1 Prozent wuchs. Ein derartiges Missverhältnis zwischen Kosten und realer Leistung raubt den Betrieben den finanziellen Spielraum für dringend benötigte Zukunftsinvestitionen.
Die Deindustrialisierung Tirols ist längst Realität
Die Deindustrialisierung Tirols ist längst Realität. Wenn explodierende Energiekosten auf systematisch steigende Personalkosten treffen, raubt das den heimischen Unternehmen schlichtweg die Fähigkeit, profitabel zu produzieren und international zu bestehen. Wachsen die Lohnstückkosten dauerhaft schneller als die Produktivität, preisen sich heimische Betriebe unweigerlich aus den globalen Märkten. Hinter diesen ökonomischen Kausalitäten verbergen sich reale Arbeitsplätze und das hart erarbeitete Fundament vieler Tiroler Familienunternehmen. Um diese Abwärtsspirale zu stoppen, braucht es deutlich mehr als die bloße Hoffnung auf ein rasches Ende des Krieges im Nahen Osten. Wenn die Industrie als Rückgrat der heimischen Wirtschaft wettbewerbsfähig bleiben soll, muss die Politik die strukturellen Belastungen spürbar senken. Das erfordert zwingend eine verlässliche Absicherung der Energiepreise für energieintensive Betriebe sowie eine rasche, tiefgreifende Reduktion der Lohnnebenkosten.


