Die Senkung der Lohnnebenkosten ist ein wichtiges Signal für die heimische Industrie. Doch wenn höhere Steuern, neue Beiträge, Berichtspflichten und mögliche Änderungen beim E-Dienstauto-Sachbezug den Effekt wieder schmälern, bleibt aus Sicht der Betriebe zu wenig übrig.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Die Industriestrategie der Bundesregierung legt die Latte hoch: Österreich soll bis 2035 wieder unter die Top 10 der wettbewerbsfähigsten Industriestandorte kommen. Aber ein Standort wird nicht durch Zielbilder wettbewerbsfähig, sondern durch Kosten, Verfahren und Regeln, mit denen Betriebe arbeiten können. Wenn Entlastung angekündigt wird, während an anderer Stelle neue Belastungen dazukommen, bleibt die Strategie hinter ihrem eigenen Anspruch zurück – und kommt in den Betrieben nicht an.
Die angekündigte Senkung der Lohnnebenkosten ab 2028 ist ein richtiger Schritt. Konkret soll der Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds von 3,7 auf 2,7 Prozent sinken. Das bringt, zumindest auf den ersten Blick, die lange erhoffte und geforderte Entlastung bei den Arbeitskosten. Problematisch wird es aber, wenn diese Entlastung an anderer Stelle wieder abgeschöpft wird: über eine höhere Körperschaftsteuer, den Wegfall der bisherigen FLAF-Befreiung für Beschäftigte über 60, die Bankenabgabe, höhere Beitragsgrundlagen oder andere einnahmenseitige Maßnahmen. Wie schmal die Wirkung im Einzelfall werden kann, zeigt eine Rückmeldung aus der Industrie: Nach Gegenrechnung neuer Belastungen bleibt in dieser Berechnung auf die Herstellkosten nur noch ein Effekt von rund 0,1 bis 0,2 Prozent. Das ist keine Trendwende. Das ist eine Entlastung, die auf dem Weg in den Betrieb fast versickert.
Keine neue Runde der Lohn-Preis-Spirale
Der zweite Prüfstein für den Erfolg der Stärkung der heimischen Industrie sind die kommenden KV-Runden. Nach einem niedrigeren Jahresauftakt zieht die Inflation wieder an: Laut Schnellschätzung der Statistik Austria lag sie im April 2026 bei 3,3 Prozent. Die Energiepreise lagen um 10,7 Prozent über dem Vorjahr. Damit steigt genau jener Druck wieder, der in den vergangenen Jahren hohe Lohnabschlüsse befeuert und die Arbeitskosten der heimischen Industrie massiv erhöht hat. Viele exportorientierte Betriebe wurden dadurch auf internationalen Märkten preislich zurückgedrängt. Wer die Lohn-Preis-Spirale brechen will, darf sie in der nächsten Runde nicht neu antreiben. Gute Arbeit braucht faire Bezahlung. Aber faire Bezahlung setzt wirtschaftliche Tragfähigkeit voraus. Wenn Lohnabschlüsse Produktivität, Auftragslage und internationalen Wettbewerb ausblenden, gefährden sie am Ende genau jene Arbeitsplätze, die sie schützen sollen. Jetzt braucht es Betriebe und Verhandler, die diese Realität klar aussprechen und dort eine Grenze ziehen, wo Abschlüsse die Belastbarkeit der Industrie überfordern. Sozialpartnerschaft darf nicht zur automatischen Fortschreibung immer höherer Lohn- und Arbeitskosten werden, die Österreich im internationalen Wettbewerb längst massiv belasten.
Neue Pflichten, neue Unsicherheit
Auch bei Bürokratie und Planbarkeit zeigt sich der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität. Während Entbürokratisierung angekündigt wird, bringt die EU-Entgelttransparenzrichtlinie neue Berichtspflichten, Dokumentationslasten und Sanktionsrisiken in die Betriebe. Fairness bei Entlohnung ist kein Streitpunkt. Problematisch ist eine Umsetzung, die in einer Phase hoher Arbeitskosten und schwieriger KV-Verhandlungen zusätzlichen Aufwand schafft, neue Kosten auslöst und Konflikte in den Unternehmen verschärft.
Ähnlich schwer wiegt die Debatte um den Null-Sachbezug für E-Dienstautos. Nach aktueller Rechtslage wird für reine Elektroautos kein Sachbezug angesetzt. Zugleich stehen Pläne im Raum, für privat genutzte Elektro-Dienstautos ab 2027 wieder einen Sachbezug einzuführen. Für Unternehmen ist das kein steuerliches Detail: Leasingverträge, Dienstwagenregelungen und Gehaltsmodelle wurden auf Basis bestehender Regeln aufgebaut, Beschäftigte haben ihre Mobilitätsentscheidungen danach ausgerichtet. Wer solche Spielregeln mitten in laufenden Planungen dreht, beschädigt Vertrauen, erzeugt neue Kostenkonflikte und macht aus einem Transformationsanreiz den nächsten Unsicherheitsfaktor.
Standortpolitik muss netto wirken
Die Industriestrategie ist ein wichtiges Bekenntnis zum Industrieland Österreich und setzt die richtigen Themen auf die Agenda: Energie, Arbeitskosten, Entbürokratisierung, Forschung, Schlüsseltechnologien und Investitionen. Aber ihr Erfolg entscheidet sich nicht daran, wie viele Maßnahmen aufgelistet werden. Er entscheidet sich daran, ob die Betriebe am Ende mehr Spielraum haben als vorher. Wenn Entlastung durch neue Steuern abgeschwächt wird, wenn Bürokratieabbau durch neue Berichtspflichten konterkariert wird und wenn planbare Regeln durch neue Unsicherheiten ersetzt werden, entsteht kein Aufbruch. Österreich kann wieder unter die Top 10 der wettbewerbsfähigsten Industriestandorte kommen. Aber nicht mit einer Politik, die im selben Atemzug entlastet und belastet. Wer Entlastung ankündigt und sie an anderer Stelle wieder kassiert, schafft keinen Aufbruch, sondern eine Mogelpackung.


