Beim Besuch von Bundeskanzler Christian Stocker bei Leonhard Lang diskutierten Spitzenvertreterinnen und Spitzenvertreter der Tiroler Industrie die Umsetzung der Industriestrategie 2035. Im Mittelpunkt stand, was der Standort jetzt braucht: planbare Energiepreise, wettbewerbsfähige Arbeitskosten, schnellere Verfahren und neue Zuversicht für industrielle Zukunftsentscheidungen.
Der Besuch von Bundeskanzler Christian Stocker in Tirol führte mitten in die industrielle Realität des Landes: zu Leonhard Lang, einem international tätigen Medizintechnikunternehmen in Innsbruck, das seine Produkte weltweit vertreibt und beispielhaft für die Stärke des Tiroler Life-Sciences-Standorts steht. Auf Einladung der IV Tirol und des Landes Tirol wurde dort über die Industriestrategie 2035, zentrale Schlüsseltechnologien und das Ziel diskutiert, Österreich bis 2035 wieder unter die Top 10 der wettbewerbsfähigsten Industriestandorte zu bringen.
Stocker: Industriestrategie als Antwort auf härteren Wettbewerb
Der Bundeskanzler stellte die Industriestrategie 2035 als Antwort auf einen härter gewordenen internationalen Standortwettbewerb vor. Österreich werde diesen Wettbewerb nicht über niedrige Löhne gewinnen, sondern über Know-how, Ausbildung, Qualität, Forschung, Serviceorientierung und industrielle Umsetzungskompetenz. Die Strategie definiert neun Schlüsseltechnologien mit hohem Innovations- und Wachstumspotenzial; im FTI-Pakt sind dafür 2,6 Milliarden Euro bis 2029 vorgesehen.
Zugleich machte Stocker deutlich, dass Industriepolitik über Forschung und Förderung hinausgeht. Es gehe auch um Energiepreise, schnellere Verfahren, Infrastruktur, Kapitalmarkt und bessere Rahmenbedingungen für Investitionen. Beim Industriestrompreis stellte er eine Orientierung am deutschen Modell in Aussicht, bei der Entbürokratisierung verwies er auf Maßnahmenpakete zur Vereinfachung von Verfahren und zum Abbau bestehender Regelungen.
Mattle: Tirols industrielle Stärken sichtbar machen
Landeshauptmann Anton Mattle nutzte den Besuch, um Tirol als Industrie-, Forschungs- und Produktionsstandort zu positionieren. Die Industrie sei ein wesentlicher Faktor für Wertschöpfung, Beschäftigung und Wohlstand im Land. Besonders deutlich werde das in Stärkefeldern wie Life Sciences und Quantentechnologie, in denen Tirol bereits heute internationale Sichtbarkeit erreicht hat.
Mattle verwies auf die starke industrielle Basis, auf die Forschungslandschaft und auf Unternehmen, die in spezialisierten Märkten weltweit erfolgreich sind. Gerade die Verbindung von Forschung, Produktion und unternehmerischer Umsetzung mache Tirol in zentralen Zukunftsfeldern wettbewerbsfähig. Die Industriestrategie des Bundes müsse nun dazu beitragen, diese Stärken weiterzuentwickeln und jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die industrielle Investitionen und technologische Anwendung am Standort erleichtern.
Kloger: Umsetzung entscheidet über Wirkung
IV-Tirol-Präsident Max Kloger begrüßte das klare Bekenntnis der Bundesregierung zum Industrieland Österreich und das Ziel, Österreich wieder unter die Top 10 der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften zu bringen. Zugleich machte er deutlich, dass ein strategisches Ziel allein noch keine Standortwende schafft. Entscheidend sei, ob aus der Industriestrategie rasch wirksame Maßnahmen werden – bei Energiepreisen, Arbeitskosten und Bürokratie.
Beim Industriestrompreis gehe es vor allem um Planungssicherheit, weil viele Unternehmen Strom für die kommenden Jahre bereits heute beschaffen und Budgetentscheidungen frühzeitig treffen müssen. Bei den Arbeitskosten begrüßte Kloger die angekündigte Senkung des Dienstgeberbeitrags zum FLAF, warnte aber davor, dass diese Entlastung durch höhere Steuern, Beiträge oder Abgaben wieder aufgezehrt wird.
Besonders deutlich wurde Kloger beim Thema Bürokratie. Mit dem Tirol Konvent und der digitalen Verfahrensplattform seien im Land wichtige Schritte gesetzt. Gleichzeitig dürfe Entbürokratisierung nicht durch neue Pflichten konterkariert werden. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie markierte er als massives Problem für die Betriebe, weil neue Berichtspflichten, zusätzliche Kosten und weitere Eingriffe in ein ohnehin angespanntes Lohngefüge drohen.
Standortfragen aus der betrieblichen Praxis
Im anschließenden Industriedialog zeigte sich, wie eng die großen Standortfragen inzwischen miteinander verbunden sind. Arbeitskosten, KV-Dynamik, Energiepreise, Verfahren, Forschung, Marktzugang, Infrastruktur und Regulierung wirken nicht getrennt voneinander, sondern gemeinsam auf Kalkulationen, Budgets und Standortentscheidungen. Für viele Unternehmen geht es daher nicht um einzelne Entlastungsschritte, sondern um die Frage, ob Österreich im internationalen Wettbewerb wieder verlässlicher, schneller und berechenbarer wird. Die Rückmeldungen aus den Betrieben reichten von Forschungsförderung und industrieller Anwendung über Energieinfrastruktur und Genehmigungsverfahren bis zu Transit, Brenner-Basistunnel, Beschaffung, Steuerbelastung und europäischer Regulierung.
Eine gute Zukunft für Tirol entsteht nicht von selbst. Sie braucht Industrieunternehmen, die entwickeln, produzieren, exportieren und in neue Technologien investieren – und die Menschen, die diese Leistung jeden Tag möglich machen. Die Industrie ist damit eine Grundlage für gute Arbeit, Wohlstand und Lebensqualität im Land. Damit sie diese Rolle auch künftig erfüllen kann, müssen die Rahmenbedingungen jetzt stimmen – bei Energie, Arbeitskosten, Verfahren und Investitionen.


