Drei Jahre Rezession haben die industrielle Produktionsbasis des Landes massiv geschwächt. Jetzt trifft der nächste externe Schock auf einen Standort, der die Belastungen der vergangenen Jahre noch nicht verdaut hat. Gerade deshalb braucht es bei Energie, Arbeit und Bürokratie endlich sichtbare Umsetzungserfolge.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Die aktuellen Konjunkturprognosen zeigen zwar eine leichte Stabilisierung, aber keinen selbsttragenden Aufschwung. Im Gegenteil: Selbst die ohnehin verhaltenen Erwartungen mussten zuletzt nach unten korrigiert werden – vor allem aufgrund der Krise im Nahen Osten. Für 2026 wird nur noch ein sehr verhaltenes Wachstum erwartet: 0,9 Prozent laut WIFO, 0,5 Prozent laut IHS. Auch bei den Investitionen bleibt das Bild ernüchternd. Umso problematischer ist, dass von den 117 Maßnahmen der Industriestrategie bislang erst sieben umgesetzt wurden. Ein klarer Fahrplan fehlt bis heute, stattdessen dominieren vielerorts Überschriften, Ankündigungen und vage Zusagen. Genau deshalb braucht es jetzt sichtbare Fortschritte bei Energie, Arbeit und Bürokratie.
Neuer Preisdruck
Der Iran-Krieg verschärft den Druck genau im falschen Moment. Das Problem ist nicht nur der nächste Energieschock. Das Problem ist, dass höhere Energiepreise in Österreich rasch wieder auf die Inflation durchschlagen – und damit genau jenen Inflationsdruck erhöhen, der in den jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen maßgeblich ist. So wird aus einem geopolitischen Schock sehr schnell neuer Arbeitskostendruck für den Standort. Die aktuellen Berechnungen zeigen die Dimension: Das Wachstum 2026 wird um 0,5 Prozentpunkte gedämpft, die Inflation steigt um 0,9 Prozentpunkte. Gleichzeitig hält das IHS ausdrücklich fest, dass zur Wahrung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit nicht die gesamte rollierende Inflation abgegolten werden kann. Genau darin liegt die besondere Verwundbarkeit Österreichs. Die heimische Industrie hat die Belastungen der vergangenen Jahre noch längst nicht aufgearbeitet, und schon entsteht neuer Druck.
Deindustrialisierung in Echtzeit
Die Deindustrialisierung ist keine abstrakte Warnung mehr, sondern längst Realität. In Tirol ist die Zahl der unselbständig Beschäftigten in der Industrie seit 2019 von 41.215 auf 38.906 gesunken. Das entspricht einem Verlust von 2.309 Arbeitsplätzen oder 5,6 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl der Betriebe von 432 auf 402 zurückgegangen. Wenn Beschäftigung sinkt, Betriebe weniger werden und Investitionen ausbleiben, dann reden wir nicht mehr über ein Risiko, sondern über Deindustrialisierung in Echtzeit. Neue Investitionen gehen dorthin, wo Kosten planbar sind und sich Produktion auch in einigen Jahren noch rechnet. Wenn Energie, Arbeit und Bürokratie gleichzeitig aus dem Ruder laufen, verliert Österreich bei Standortentscheidungen weiter an Boden.
Drei Prioritäten
Die Bundesregierung hat mit ihrer Industriestrategie die richtigen Baustellen benannt. Das ist positiv. Nach drei Jahren Rezession reicht es aber nicht mehr, Probleme nur zu diagnostizieren. Jetzt braucht es eine klare Priorisierung entlang der größten wirtschaftlichen Hebel.
Erstens: Energie.
Das Stromkosten-Ausgleichsgesetz (SAG) war ein wichtiger erster Entlastungsschritt für besonders stromintensive Unternehmen. Mit der deutschen Entscheidung für ein mit 3,8 Milliarden Euro dotiertes Modell, das rückwirkend ab 1. Jänner 2026 gilt und für bis zu 50 Prozent des Stromverbrauchs auf rund 5 Cent pro Kilowattstunde entlasten soll, steigt der Handlungsdruck auf Österreich weiter. Wer im direkten Wettbewerb mit deutschen Betrieben steht, kann nicht mit Überschriften und Ankündigungen vertröstet werden. Jetzt braucht es die konkrete und rasche Ausgestaltung des in der Industriestrategie angekündigten österreichischen Industriestrompreises oder gleichwertiger Entlastungen. Der angekündigte Industriestrompreis darf daher nicht erst 2027 wirksam werden. Unternehmen brauchen jetzt planbare und international wettbewerbsfähige Energiepreise.
Zweitens: Arbeit.
Höhere Energiepreise erhöhen die Inflation und damit auch den Druck in den jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen. Genau deshalb braucht es beim Faktor Arbeit einen glaubwürdigen Entlastungspfad bei den Lohnnebenkosten. Nur so kann verhindert werden, dass der Standort weiter an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verliert.
Drittens: Bürokratie.
Österreichs Unternehmen geben jährlich 10 bis 15 Milliarden Euro für bürokratische Auflagen aus, 71 Prozent sehen Regulierung bereits als Investitionshindernis. Priorität müssen daher Maßnahmen haben, die sofort entlasten: kein Gold Plating bei EU-Vorgaben, einfachere Verfahren und weniger Nachweis- und Prüfungspflichten. Gerade bei der Entgelttransparenzrichtlinie wird sich zeigen, ob die Politik eine praxistaugliche Lösung vorlegt oder die nächste Bürokratiewelle lostritt. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit ist richtig. Falsch wäre eine Umsetzung, die mit zusätzlichem Aufwand, schwierigen Vergleichsgruppen und mehr Rechtsunsicherheit neue Belastungen schafft. Wer Fairness will, darf nicht ein System schaffen, das Leistung entwertet, Betriebe lähmt und am Ende für neue Spannungen im Betrieb sorgt.
Jetzt zählt die rasche Umsetzung
Die Regierung wird nicht an 117 angekündigten Maßnahmen gemessen werden, sondern an sichtbaren Fortschritten bei den drei größten Bremsen. Genau hier zeigt sich das Problem: Bislang sind erst sieben Maßnahmen umgesetzt. Das Industriestrategiebarometer der Industriellenvereinigung macht diesen Abstand zwischen Anspruch und Realität sichtbar und liefert auf www.industriestrategiebarometer.at den nüchternen Fortschrittscheck für den Standort. Nach den bitteren Jahren der Rezession darf die Industrie nicht wieder in Stagnation und Unsicherheit zurückgedrängt werden. Jetzt muss die Bundesregierung liefern.


