Präsident Max Kloger und Geschäftsführer Michael Mairhofer fordern im neuen Gesprächsformat auf Radio U1 einen raschen Kurswechsel bei Energiekosten und Bürokratie. Einer Debatte über neue Standortbelastungen erteilt die Industrie eine strikte Absage.
Die österreichische Wirtschaft verzeichnet laut aktuellen Prognosen zwar eine leichte konjunkturelle Stabilisierung, doch diese fragile Erholung ist bereits wieder akut gefährdet: Die Eskalation im aktuellen Nahostkonflikt droht zu einer erneuten Explosion der Energiepreise zu führen, was die zarten Aufschwungstendenzen im Keim ersticken könnte. Zudem liegt die weitaus größere, langfristige Gefahr für den Wirtschaftsstandort in der Tiefe: Es ist der anhaltende, strukturelle Verlust an relativer Wettbewerbsfähigkeit. Zum Auftakt des neuen Studiogesprächs auf Radio U1skizzierten IV-Tirol-Präsident Präsident Max Kloger und Geschäftsführer Michael Mairhofer dabei detailliert die drängendsten wirtschaftspolitischen Herausforderungen für die kommenden Monate.
Neue Wertschöpfung muss im Land bleiben
Den künftigen Wohlstand zu sichern, gelingt nur, wenn die industrielle Basis im Land gehalten wird. Dass die aktuellen wirtschaftlichen Vorzeichen diesem Ziel entgegenlaufen, ist für IV-Tirol-Präsident Max Kloger ein akutes Warnsignal. Er macht die Dimension der Bedrohung deutlich: „Deindustrialisierung bedeutet in den seltensten Fällen, dass von heute auf morgen Fabriken schließen. Sie beginnt genau dort, wo neue Wertschöpfung nicht mehr hier bei uns, sondern in anderen Regionen entsteht.“ Dabei gäbe es durchaus vielversprechende Perspektiven, da große europäische Infrastrukturprogramme sowie wachsende Bereiche wie Sicherheits- und Verteidigungstechnologien Wachstumschancen bieten. „Um diese neuen Chancen auch nutzen zu können, brauchen die Betriebe jetzt zwingend ein Umfeld, das Investitionen gezielt fördert und nicht durch ausufernde Bürokratie und explodierende Kosten blockiert“, fordert Kloger.
Historische Schere bei den Kosten
Die Warnung des Präsidenten wird durch harte ökonomische Evidenz und aktuelle Analysen untermauert. IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer verweist auf eine hochproblematische Schieflage, die den Unternehmen die Basis für Zukunftsinvestitionen entzieht. „Seit dem Jahr 2016 sind die Lohnstückkosten in Österreich um dramatische 34,6 Prozent gestiegen. Die Produktivität wuchs im selben Zeitraum jedoch nur um bescheidene 5,1 Prozent“, rechnet Mairhofer vor. Dieser alarmierende Befund wird durch aktuelle Daten des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria bestätigt, die klar belegen, dass sich die österreichische Wirtschaft spürbar schlechter entwickelt als der EU-27-Schnitt und sich die Phase der rückläufigen Wettbewerbsfähigkeit zunehmend verfestigt.
Politische Verzögerung kostet Marktanteile
n zentraler Treiber der Kostenschere bleibt der Energiesektor, der heimische Betriebe laut der IV Tirol gleich doppelt unter Druck setzt. Verantwortlich dafür ist zum einen das europäische Marktdesign, das sogenannte Merit-Order-Prinzip: Dabei bestimmt stets das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch zugeschaltet werden muss – in der Regel ein Gaskraftwerk –, den Preis für den gesamten Strommarkt. „Weil dieses System den Gaspreis direkt an unsere Stromkosten koppelt, schlagen geopolitische Eskalationen wie der Nahostkonflikt ungefiltert auf unsere Energiepreise und damit auf unsere Wettbewerbsfähigkeit durch“, analysiert Mairhofer die strukturelle Verwundbarkeit des Standorts. Genau aufgrund dieser massiven Volatilität sei das Tempo bei politischen Gegenmaßnahmen entscheidend – und hier verliere Österreich den Anschluss an seinen wichtigsten Handelspartner und Mitbewerber. Während Deutschland seine Industrie bereits ab dem Jahr 2026 massiv bei den Netzentgelten und der Stromsteuer entlastet, plant Österreich die Einführung eines Industriestrompreises erst für das Jahr 2027. Mairhofer warnt vor den drastischen Konsequenzen: „Diese politische Verzögerung bei den Entlastungsmaßnahmen ist ein gravierender Wettbewerbsnachteil. Sie setzt unsere Betriebe im direkten Vergleich mit Deutschland extrem unter Druck und kostet den Standort wertvolle Marktanteile.“
Wachstumsbremsen lösen
Neben den direkten monetären Kosten identifiziert die Tiroler Industrie den Faktor Zeit als entscheidenden Engpass. Im Rahmen des „Tirol Konvents“ drängt die Interessenvertretung der Tiroler Industrie deshalb auf eine drastische und spürbare Beschleunigung von Behördenverfahren. In technologieintensiven Bereichen entscheidet die Verfahrensdauer heute maßgeblich darüber, ob ein Projekt überhaupt noch realisiert wird. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, sieht Präsident Max Kloger die Politik in der Pflicht und zieht abschließend eine unmissverständliche rote Linie gegenüber aktuellen steuerpolitischen Fantasien: „Die Tiroler Industrie ist bereit zu investieren, zu modernisieren und neue Märkte zu erschließen. Damit das gelingt, braucht es jetzt wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. In einer Phase, in der unsere Betriebe ihre volle Investitionskraft benötigen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, wären neue Belastungen – wie die immer wieder geforderten Vermögens- und Erbschaftssteuern – genau das falsche Signal. Sie würden den Unternehmen exakt jenes Kapital entziehen, das für den technologischen Wandel und die Sicherung heimischer Arbeitsplätze dringend gebraucht wird.“


