Die Debatte um neue Steuern ist zurück. Es geht hier aber nicht um Verteilungsgerechtigkeit, sondern um den Versuch, budgetäre Löcher zu stopfen. Wer Betriebsvermögen auf Basis der enormen Tiroler Bodenwerte besteuert, trifft nicht den spekulativen Überfluss, sondern die operative Basis unserer Familienunternehmen und beschleunigt die Deindustrialisierung.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Es ist ein wiederkehrendes Ritual der österreichischen Innenpolitik: Zuerst wird Steuergeld im Gießkannenprinzip verteilt, um kurzfristige politische Stimmung zu kaufen, und sobald die budgetären Spielräume aufgebraucht sind, folgt prompt der Ruf nach neuen Steuern auf Vermögen und Erbschaften. Dabei spricht die Datenlage eine klare Sprache: Mit einer Staatseinnahmenquote von 50,5 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt Österreich auf dem vierten Platz in der gesamten Europäischen Union – weit über dem EU-Schnitt von 46,0 Prozent. Der Staat hat de facto kein Einnahmenproblem, sondern ein massives Ausgabenproblem. Diese Steuer-Forderungen werden gerne in das Gewand der Fairness gekleidet, doch bei genauerer Betrachtung entpuppen sie sich als Gefahr für den Wirtschaftsstandort. Besonders für Tirol ist diese Debatte fatal, weil sie verkennt, wen sie tatsächlich trifft.
Die falsche Zielscheibe
In der öffentlichen Debatte zielen Vermögenssteuern auf anonyme Großkonzerne oder private Rentiers. Die Tiroler Realität zeichnet jedoch ein fundamental anderes Bild: Die heimische Wirtschaft wird nicht von internationalen Konglomeraten dominiert, sondern von eigentümergeführten Familienunternehmen getragen. Wer hierzulande „Vermögen“ besteuert, trifft fast ausnahmslos den betrieblichen Mittelstand. Die ökonomische Dimension ist evident: Diese Betriebe sichern österreichweit 65 Prozent der Arbeitsplätze und erwirtschaften 57 Prozent der Umsätze. Sie agieren nicht als gesichtslose Kapitalgesellschaften, sondern sind als verlässliche Arbeitgeber tief mit dem Land und den Menschen verwurzelt. Wer die Substanz dieser Unternehmen durch neue Steuern angreift, gefährdet folglich keinen unproduktiven Überfluss, sondern die zentrale Beschäftigungssäule des Landes – und damit das direkte Einkommen zehntausender Arbeitnehmer.
Geographie als Steuerfalle
Dazu kommt eine Tiroler Besonderheit, die jeden bundesweiten Steuerplan ad absurdum führt: Das Bundesland verfügt über lediglich 12 Prozent Dauersiedlungsraum. Diese natürliche Knappheit trifft auf eine ungebrochen hohe Nachfrage. Das Resultat ist eine Entkopplung der Verkehrswerte von der wirtschaftlichen Ertragskraft. Hier liegt der fundamentale Konstruktionsfehler der aktuellen Steuerpläne, etwa bei dem oft geforderten Freibetrag von einer Million Euro: Eine Besteuerung, die sich am Verkehrswert der Betriebsflächen orientiert, würde Tirol asymmetrisch härter treffen als jede andere Region. Man muss diesen Mechanismus nüchtern betrachten: Ein produzierender Betrieb in Tirol operiert auf einem Bodenwert, der rechnerisch ein Vielfaches eines vergleichbaren Standorts im Südburgenland beträgt. Der heimische Unternehmer erwirtschaftet auf diesem Grund jedoch keine höheren Margen – er muss genauso viele Produkte verkaufen wie sein Konkurrent im Osten, um profitabel zu sein. Würde nun der hohe Verkehrswert des Bodens unter der Werkhalle als Bemessungsgrundlage herangezogen, mutiert die geographische Lage zur finanziellen Bestrafung. Es wäre faktisch eine Sondersteuer für den Standort Tirol.
Asset Rich, Cash Poor
Wer hohe Buchwerte automatisch mit verfügbarem Reichtum gleichsetzt, verkennt die ökonomische Realität der Unternehmen. Tirols Familienunternehmen funktionieren oft nach dem Prinzip „Asset Rich, Cash Poor“ – sie sind reich an Werten, aber arm an Barreserven. Sie verfügen über hohe Bilanzen in Form von modernen Maschinenparks, Hallen und eben dem teuren Boden, haben im Verhältnis dazu jedoch oft geringe liquide Mittel, da jeder Euro arbeitet. Heimische Betriebe haben die vergangenen Krisenjahre nur deshalb überlebt, weil sie Gewinne im Unternehmen belassen und reinvestiert haben. Wer dieses gebundene Betriebsvermögen nun besteuert, zwingt die Firmen, dringend benötigtes Kapital aus dem operativen Geschäft abzuziehen, um die Abgabenlast zu begleichen. Das ist Geld, das eins zu eins für Forschung, Digitalisierung und Mitarbeiter fehlt. In einer Phase, in der die Industrie ohnehin mit hohen Energiekosten und anhaltendem Margendruck kämpft, wirkt der Zugriff auf die Fundamente der Betriebe wie ein Brandbeschleuniger für die Deindustrialisierung. Wenn es teurer wird, hierzulande eine Werkhalle zu besitzen als anderswo, wird die Entscheidung zur Verlagerung rational.
Der Blick nach Süden
Während in Österreich über neue Belastungen diskutiert wird, definiert der direkte Nachbar die Spielregeln neu. Ein Blick nach Süden offenbart eine schmerzhafte Diskrepanz: Südtirol hat mit dem „Patto di famiglia“ ein Instrument etabliert, das die Übergabe von Familienunternehmen bei Fortführung zu einem Steuersatz von exakt null Prozent ermöglicht. Die Priorität liegt dort klar auf der Sicherung von Arbeitsplätzen und bestehenden Strukturen. Führt Österreich nun Erbschafts- oder Vermögenssteuern ein, entsteht ein massiver Standortnachteil im direkten Wettbewerb. Die Antwort auf Defizite im Staatshaushalt darf nicht der Griff in die Eigenkapitaldecke der Wirtschaft sein, sondern muss in strukturellen Reformen und einer Entlastung des Faktors Arbeit liegen. Wer die Wurzeln des Baumes beschneidet, darf sich nicht wundern, wenn die Früchte in Zukunft ausbleiben.


