Swarovski in Wattens, Voestalpine in der Steiermark – hunderte Jobs fallen weg. Was wie zwei Einzelfälle wirken könnte, ist Ausdruck einer tieferliegenden Standortkrise. Österreichs Industrie verliert nicht wegen mangelnder Nachfrage auf den Märkten, sondern wegen struktureller Schwächen.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Zwei Unternehmen, zwei Meldungen, eine ernüchternde Botschaft: Binnen weniger Tage haben Swarovski in Wattens und die Voestalpine in der Steiermark angekündigt, zusammen mehr als 700 Arbeitsplätze abzubauen. In Wattens trifft es rund 400 Beschäftigte, in Kindberg und Mürzzuschlag weitere 340. Auch wenn die Ursachen unterschiedlich sind, zeigen beide Fälle, wie stark sich strukturelle Kostenbelastungen und Standortschwächen auf die betriebliche Realität in den Unternehmen auswirken – mit gravierenden Konsequenzen für die Mitarbeitenden. Wenn global vernetzte Leitbetriebe Beschäftigung abbauen, geschieht das nie leichtfertig, sondern weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Diese Entwicklungen müssen bei allen, die Verantwortung für den Standort tragen, die Alarmglocken schrillen lassen – denn es darf kein Zögern und Zaudern mehr geben, wenn es um die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie und um verlässliche Rahmenbedingungen für unsere Betriebe geht.
Von der Rezession in die Standortkrise
Österreich steckt nicht mehr in einer konjunkturellen Schwächephase, sondern inmitten einer tiefgreifenden Standortkrise. Die wirtschaftliche Erholung nach Jahren der Rezession verläuft schleppend: WIFO und IHS prognostizieren für 2025 und 2026 ein reales BIP-Wachstum von lediglich 0,8 bis 1,1 %. Das reicht nicht, um verlorene Produktivität zurückzugewinnen, Innovationsrückstände aufzuholen oder den Investitionsstau zu beseitigen.
Gleichzeitig rutscht der Standort immer tiefer ab. Im IMD World Competitiveness Ranking ist Österreich seit 2020 von Platz 16 auf Platz 26 gefallen – ein dramatisches Signal für den Verfall der Konkurrenzfähigkeit der heimischen Unternehmen. Und auch die jüngste EcoAustria-Analyse zeichnet ein deutliches Bild: Österreich fällt im europäischen Vergleich weiter zurück – bei Innovation, Digitalisierung und wirtschaftlicher Dynamik. Der IV-Tirol-Geschäftsklimaindex für das dritte Quartal 2025 bestätigt diesen Trend: Die Investitionsbereitschaft bleibt niedrig, die Erwartungen an Beschäftigung und Auftragseingänge sinken. Was als konjunktureller Negativtrend begonnen hat, hat sich längst zu einer strukturellen Krise verfestigt.
Vier Problemfelder der heimischen Industrie
- Arbeitskosten im internationalen Spitzenfeld
Österreich zählt zu den teuersten Industriestandorten Europas – und Tirol liegt sogar noch darüber. Haupttreiber waren die Rekord-Lohnabschlüsse der letzten Jahre in Folge des Inflationsschocks, kombiniert mit einer nach wie vor hohen Steuer- und Abgabenquote. Das Problem ist nicht die Höhe der Löhne an sich, sondern das Missverhältnis zwischen Kosten, Produktivität und Standortattraktivität. Ohne gezielte Entlastung durch die Politik verliert der Standort weiter an Boden – nicht nur bei Produktionsentscheidungen, sondern auch bei Investitionen in Forschung, Entwicklung und Zukunftstechnologien. - Energiepreise als Risiko für Investitionen
Besonders energieintensive Betriebe – von der Stahlindustrie über Grundstoffe bis zur Glasfertigung – leiden unter dauerhaft hohen und schwer kalkulierbaren Energiekosten. Zwar wurde zuletzt in Entlastungen und Ausgleichsmaßnahmen investiert, doch eine verlässliche energiepolitische Gesamtstrategie fehlt weiterhin. Für Tirol ist das doppelt relevant: Der Ausbau der Wasserkraft könnte ein zentraler Teil der Lösung sein – doch unnötig lange Genehmigungsverfahren und der verschlafene Netzausbau bremsen das Potenzial aus. - Bürokratie als Investitionsbremse
In Tirol summieren sich die Bürokratiekosten laut Berechnungen der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung im Auftrag der IV Tirol auf 52 Millionen Euro jährlich – verursacht durch lange Verfahren, widersprüchliche Vorgaben und eine Übererfüllung europäischer Standards. Das entspricht rund zwei Prozent des regionalen Bruttoregionalprodukts. Das Problem: Selbst strategisch relevante Investitionen scheitern mittlerweile nicht am Kapital, sondern an der Komplexität staatlicher Vorgaben. Wenn wir die Industrie im Land behalten möchten, brauchen wir schlanke Prozesse, keine regulatorischen Labyrinthe, in denen sich sogar Experten verlieren. - Geopolitik und Exportabhängigkeit als strategische Schwäche
Österreichs Industrie ist stark in internationale Lieferketten eingebunden – und damit besonders anfällig für geopolitische Verschiebungen. Lange konnte man sich auf ein einfaches Muster verlassen: Wenn es in Deutschland wirtschaftlich bergauf ging, profitierte auch Österreich automatisch mit. Doch dieses Modell trägt nicht mehr. Die deutsche Industrie stagniert, der EU-USA-Handelskonflikt verschärft sich, und die amerikanische Industriepolitik – etwa durch den Inflation Reduction Act – zieht Investitionen aus Europa ab. Gleichzeitig wird China, einst verlässlicher Wachstumsmotor, zunehmend zum geopolitischen Risiko.
Strategisch handeln: Diversifikation und Zukunftsfelder stärken
- Neue Märkte, neues Gleichgewicht:
Wer auch in Zukunft erfolgreich exportieren will, darf sich nicht länger auf wenige Nachfragezentren verlassen. Handelsabkommen wie Mercosur sind mehr als politische Projekte – sie sind entscheidende Hebel, um neue Märkte zu erschließen, Wachstum zu diversifizieren und Skaleneffekte zu ermöglichen. Eine nachhaltige Standortstrategie braucht geopolitischen Realitätssinn – und einen offensiven Zugang zu neuen Absatzmärkten. - Security & Defense als industriepolitischer Hebel
Ein strategisch unterschätztes Zukunftsfeld liegt in der europäischen Sicherheitswirtschaft. Infolge des russischen Angriffskriegs investieren europäische Staaten in dreistelliger Milliardenhöhe in Verteidigungs- und Sicherheitskapazitäten – von Cybertechnologie über Sensorik bis hin zu klassischer Rüstung. Österreich verfügt in diesem Bereich über hochspezialisierte Zulieferer und international konkurrenzfähige Technologieunternehmen. Laut einer Studie von ECONOMICA beträgt die jährliche Wertschöpfung der heimischen Sicherheitswirtschaft rund 2,8 Mrd. €, mit etwa 41.000 Beschäftigten und über 1,1 Mrd. € an Steuern und Abgaben – und das unter aktuell restriktiven Exportbedingungen. Mit besserem Marktzugang und rechtssicherer Rahmensetzung ist hier deutlich mehr möglich.
Wer die Industrie im Land halten will, muss sie strategisch absichern – durch bessere Standortbedingungen, verlässliche Energiepolitik, verlässlichen Marktzugang – und eine Industriepolitik, die die Stärkung industrieller Wettbewerbsfähigkeit zur nationalen Priorität macht. Denn eines ist klar: Der Wiederaufbau industrieller Stärke ist Voraussetzung dafür, dass Österreich wirtschaftlich erfolgreich, gesellschaftlich stabil und technologisch vorne bleibt.


