Beim 33. Tiroler Wirtschaftsforum wurde deutlich: Europas wirtschaftlicher Handlungsspielraum schrumpft – und Österreichs Industrie verliert immer mehr an Boden. IV-Tirol-Präsident Max Kloger forderte Strukturreformen und eine mutige Industriestrategie. Sicherheit und Resilienz rücken als Wachstumstreiber in den Fokus.
In seiner Eröffnungsrede zeichnete Max Kloger ein unmissverständliches Bild der wirtschaftlichen Lage: Drei Jahre Rezession haben tiefe Spuren hinterlassen – und auch wenn sich Österreichs Konjunktur statistisch leicht erholt, ist das reale Wachstum zu schwach, um den Standort zurück an die Spitze zu bringen. Die eigentliche Gefahr liege aber nicht in der Konjunktur, so Kloger, sondern im Strukturversagen: Österreich habe durch explodierende Arbeitskosten, hohe Energiepreise, sinkende Produktivität und eine ausufernde Regulierungsdichte den Anschluss an seine internationalen Mitbewerber verloren. „Wir brauchen eine mutige Industriestrategie, die die Wiedererstarkung der heimischen Industrie zur nationalen Priorität macht – nicht morgen, sondern jetzt“, forderte Kloger.
Strategisch handeln – statt Probleme verwalten
Die Tiroler Industrie sei bereit, ihren Beitrag zu leisten – mit Innovationskraft, technologischer Kompetenz und einem klaren Standortbekenntnis. Doch das erfordere wirtschaftspolitische Entschlossenheit: niedrigere Lohnnebenkosten, planbare Energiekosten, schnellere Verfahren und neue internationale Marktchancen durch Handelsabkommen wie Mercosur. Kloger forderte eine Industriepolitik mit echtem Gestaltungswillen: „Ohne strategische Weichenstellungen bleibt wirtschaftlicher Aufschwung eine statistische Randnotiz – aber kein realer Impuls für Investitionen, Beschäftigung und Wachstum.“ Als industriepolitisch vernachlässigtes Zukunftsfeld nannte er die europäische Sicherheitswirtschaft: „Security & Defense ist längst ein industrieller Innovationstreiber – auch für Österreich.“ Eine im Auftrag der IV erstellte Studie beziffert den derzeitigen Beitrag der heimischen Sicherheitswirtschaft mit 2,8 Mrd. € Wertschöpfung, 41.000 Arbeitsplätzen und 1,1 Mrd. € an Steuer- und Abgabenleistung – trotz enger Exportregeln und politischer Zurückhaltung. In vielen Technologiebereichen sei Österreich heute schon international führend. Mit klarer industriepolitischer Priorisierung und besserem Marktzugang könne dieser Sektor nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich ein bedeutender Hebel werden.
Europas Industrie: Investitionen, Innovation, Integration
Einen strategischen Blick auf wirtschaftliche Lage Zentraleuropas warf Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. In seiner Analyse verwies er auf das schwache Wachstum, den Rückgang privater Investitionen und eine gefährliche Aushöhlung der industriellen Basis vor allem in Europas stärkster Industrienation, der Bundesrepublik Deutschland. Europas Wohlstand, so Hüther, stehe und falle mit Investitionen – in Schlüsseltechnologien, Infrastruktur und Standortqualität. Fehlende Kapitalmarktintegration, ein innovationsfeindlicher Regulierungsrahmen und unzureichende wirtschaftspolitische Koordination schwächten den europäischen Wirtschaftsraum. In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Ilka Horstmeier (BMW AG), Unternehmer Harald Christ und Michael Hüther wurde deutlich: Europa braucht eine gemeinsame Industriestrategie, die den Aufbau strategischer Wertschöpfungsketten, Investitionen in Zukunftstechnologien und eine robustere Kapitalmarktarchitektur in den Mittelpunkt rückt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass wirtschaftlicher Ehrgeiz, politischer Gestaltungswille und technologische Souveränität zentrale Voraussetzungen für Europas industrielle Zukunftsfähigkeit sind.
Sicherheit als Standortfrage
Wie stark sicherheitspolitische und wirtschaftspolitische Herausforderungen heute miteinander verwoben sind, zeigte der zweite Themenblock: General Robert Brieger, ehemaliger Vorsitzender des EU-Militärausschusses, forderte eine sicherheitspolitische Realitätsoffensive. Europa müsse seine sicherheitspolitische Abhängigkeit überwinden und strategische Verantwortung für Freiheit und Stabilität übernehmen. Jahrzehntelange Vernachlässigung militärischer Fähigkeiten, so Brieger, habe nicht nur geopolitische Konsequenzen, sondern schwäche auch die Resilienz europäischer Wertschöpfungsketten.
Eindringlich warnte auch Omar Haijawi-Pirchner, Direktor der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst, vor neuen Bedrohungen im Inneren: Religiöser und politischer Extremismus, hybride Angriffe auf Wirtschaft und Infrastruktur – etwa durch Desinformation, Sabotage oder Spionage – gefährdeten zunehmend die Stabilität offener Gesellschaften. „Österreich ist keine Insel der Seligen“, so Haijawi-Pirchner. Sicherheit dürfe nicht länger als Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Nötig sei ein grundlegendes Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Nur durch strategisches Handeln und gesamtgesellschaftliche Wachsamkeit lasse sich die Freiheit des Landes gegen neue Bedrohungen behaupten.
Verteidigungsfähigkeit braucht industrielle Stärke
In einer abschließenden Diskussionsrunde mit führenden Vertreterinnen und Vertretern aus Industrie, Militär und, Nachrichtendiensten – Susanne Wiegand (CEO Renk Group a. D. / Multiaufsichtsrätin), Hannes Hecher (CEO Schiebel Elektronische Geräte), Oliver Rolofs (Sicherheits- und Kommunikationsexperte), Ingo Gstrein (Militärkommandant von Tirol), Omar Haijawi-Pirchner und Robert Brieger – wurde deutlich: Sicherheit ist längst eine Querschnittsaufgabe. Wer Resilienz und Verteidigungsfähigkeit stärken will, braucht nicht nur militärische Leistungsfähigkeit, sondern auch industrielle Kapazitäten, vernetzte Strukturen und eine klare sicherheitspolitische Zielsetzung auf europäischer Ebene
Ein besonderer Dank gilt dem MCI Innsbruck für die erneut hervorragende Organisation des Tiroler Wirtschaftsforums. Ebenso danken wir allen Partnern, die mit ihrem Engagement diese wichtige Diskussionsplattform der Tiroler Industrie und Wirtschaft möglich gemacht haben.


