IV-Tirol-Geschäftsklimaindex springt auf 29,5 Punkte – doch hinter der enormen Diskrepanz zwischen harter Auftragslage und positiver Zukunftserwartung verbirgt sich ein fragiler Optimismus, den die Politik laut IV-Tirol-Präsident Max Kloger nun sofort mit Tempo bei der Standortreform absichern muss.
Nach drei Quartalen der Stagnation sendet die Tiroler Industrie ein starkes Lebenszeichen aus. Der Geschäftsklimaindex der Industriellenvereinigung Tirol schnellt im 4. Quartal 2025 nach oben: von 12,5 auf 29,5 Punkte. Dieser Befreiungsschlag markiert das Ende der Talsohle, offenbart bei der Tiefenanalyse jedoch ein riskantes Auseinanderklaffen der Schere: Während die reale Nachfrage zum Jahresausklang noch auf der Stelle trat, richtet sich der Blick bereits fest nach vorn. Die Unternehmen lassen, zumindest mental, die durchwachsene Geschäftslage hinter sich und setzen voll auf die Karte 2026. Es ist eine Rallye der Erwartungen, noch keine der Fakten.
Realwirtschaft hinkt der Stimmung hinterher
Denn der Blick in die Auftragsbücher zeigt, dass der konjunkturelle Frühling in den Werkshallen noch nicht angekommen ist. Die Beurteilung der derzeitigen Geschäftslage bleibt polarisiert: Zwar bezeichnen 28 Prozent der befragten Unternehmen ihre Lage als „gut“ (Q3/25: 21 %), doch der Anteil jener, die die Lage als „schlecht“ bewerten, stieg ebenfalls auf 30 Prozent (Q3/25: 26 %). Noch deutlicher wird die Diskrepanz bei den Auftragsbeständen: Hier sank der Anteil der positiven Meldungen sogar leicht von 27 auf 25 Prozent. Auch die Auslandsaufträge verharren mit 25 Prozent „gut“ und 31 Prozent „schlecht“ auf niedrigem Niveau. Auch bei der Personalplanung sind die Spuren der Rezession noch deutlich sichtbar. Die Unternehmen agieren defensiv: Zwar planen 21 Prozent der Betriebe einen Beschäftigungsaufbau (Q3/25: 17 %), doch 36 Prozent (Q3/25: 43 %) müssen ihren Personalstand voraussichtlich weiter anpassen oder reduzieren.
Explosion der Zuversicht
Treibender Motor für den Ausbruch des Konjunkturbarometers der Tiroler Industrie ist der radikale Stimmungswandel beim Blick in die Zukunft. Erwarteten im Vorquartal nur vier Prozent eine Besserung der Geschäftslage, sind es nun 31 Prozent Während das Lager der Zuversichtlichen somit massiven Zulauf erhält, bleibt der Anteil der Pessimisten mit 9 Prozent (Q3/25: 3 %) weiterhin im niedrigen einstelligen Bereich. Die Unternehmen lösen sich aus der abwartenden Schockstarre. Auch die Produktionserwartungen für die nächsten drei Monate ziehen an: 29 Prozent der Betriebe planen eine Ausweitung der Produktion (zuvor 20 %).
Ein weiteres Signal der Normalisierung kommt von der Preisfront: Erstmals seit Monaten sehen die Betriebe wieder leichten Spielraum bei der Preisgestaltung. 11 Prozent erwarten steigende Verkaufspreise (Q3/25: 2 %), während nur noch zwei Prozent mit Senkungen rechnen (Q3/25: 11 %).
Eine Wette auf die Zukunft des Standorts
Für IV-Tirol-Präsident Max Kloger sind die Ergebnisse ein Beweis für den ungebrochenen Gestaltungswillen in den heimischen Industriebetrieben: „Die Stimmung dreht schneller als die Zahlen. Das ist ein gewaltiger Vertrauensvorschuss der Unternehmerinnen und Unternehmer. Sie glauben an die Wende 2026 und wollen wieder voll durchstarten, die Tristesse der letzten Jahre hinter sich lassen. Aber Stimmung allein füllt keine Auftragsbücher. Dieser Optimismus ist eine ökonomische Vorleistung. Sie muss jetzt durch echte Entlastungen gedeckt werden, sonst verpufft der Aufschwung, bevor er begonnen hat.“ Kloger warnt davor, die guten Umfragewerte als Entwarnung zu missverstehen: „Die Betriebe investieren Vertrauen. Werden diese Erwartungen enttäuscht, droht ein schneller und brutaler Rückfall. Gerade angesichts geopolitischer Unsicherheiten – von angedrohten US-Zöllen bis hin zur Zitterpartie beim Mercosur-Abkommen – darf sich die heimische Politik kein Zögern leisten.“
Industriestrategie: Richtige Ziele, falscher Zeitplan
Kloger sieht die Politik nun in der Pflicht, das Momentum zu nutzen. Die kürzlich präsentierte „Industriestrategie 2035“ der Bundesregierung definiert mit dem Ziel, Österreich wieder unter die Top-10-Industrienationen zu führen, sowie dem Fokus auf leistbare Energie, Entbürokratisierung und Leistung die absolut richtige Stoßrichtung. Das Problem liegt jedoch im Timing. „Wenn die Unternehmen jetzt, Anfang 2026, wieder Mut fassen, können wir sie nicht auf einen Industriestrompreis im Jahr 2027 vertrösten“, stellt Kloger klar. „Während Deutschland Milliarden mobilisiert und die Stromkosten für die Industrie massiv senkt, warten wir in Österreich noch ab. Die Strategie stimmt, aber der Zeitplan hinkt der Realität der Betriebe hinterher. Wir müssen die Lücke zwischen der jetzigen Aufbruchstimmung und der Wirkung der Maßnahmen schließen.“ Die Forderung der Industrie ist präzise: Das Bekenntnis zum wettbewerbsfähigen Industriestrompreis muss vorgezogen werden, bürokratische Hürden und lähmende Berichterstattungspflichten müssen sofort fallen. Nur durch eine rasche Umsetzung der angekündigten Maßnahmen, wird aus der aktuellen Aufbruchstimmung eine reale Konjunkturwende.
Anmerkung: Der Geschäftsklimaindex ist der Mittelwert der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage und der in sechs Monaten erwarteten.


