Bei der dritten Sitzung des Vorstands und Beirats der IV Tirol am 18. November standen Zukunftskompetenzen, industriepolitische Prioritäten und zentrale Standortthemen im Mittelpunkt.
Die Sitzung im Haus der Tiroler Industrie begann mit einem Blick auf jene Fähigkeiten, die Unternehmen für die digitale und automatisierte Produktion der nächsten Jahre dringend benötigen. Martin Pillei, Head of Research & Development am MCI, präsentierte das neue Programm „Digitalisierungs- und Automatisierungsmanager“ (DAM). Der von der IV Tirol initiierte Lehrgang richtet sich an Fachkräfte, die digitale Transformationsprozesse im Unternehmen steuern, Produktionsabläufe verstehen und Automatisierungspotenziale identifizieren sollen. Das Curriculum verbindet technische Grundlagen, Prozessanalyse, industrielle Use Cases und strategische Projektvorbereitung – mit starkem Fokus auf Praxisnähe und konkreten Anwendungsfällen aus Tiroler Betrieben. Rainer Haag, CEO von ematric und Mitgestalter des Programms, unterstrich die industriepolitische Bedeutung des Ansatzes. Erfolgreiche Automatisierungsprojekte scheiterten nicht an der Technologie, sondern an fehlenden internen Schnittstellen. Unternehmen benötigen Mitarbeitende, die Abläufe verstehen, Potenziale erkennen und professionell mit externen Automatisierungspartnern zusammenarbeiten können. Das DAM-Programm schließe genau diese Lücke und stärke jene Kompetenzen, die für die Modernisierung der industriellen Basis unverzichtbar sind.
Bericht des Präsidenten: Warten auf die Industriestrategie
Der Bericht von Präsident Max Kloger stand ganz im Zeichen industriepolitischer Weichenstellungen. Ein Schwerpunkt war die neue Industriestrategie der Bundesregierung, deren Inhalte bislang nur in Grundzügen bekannt sind. Die IV Tirol und die Bundes-IV erwarten eine klare Priorisierung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit und umfassende Strukturreformen. Für die Industrie sei entscheidend, dass die Strategie mehr biete als Überschriften: Sie müsse zu verbesserte Rahmenbedingen, schnelleren Verfahren und einer wachstumsorientierten Standortpolitik führen. Ein zweiter Teil des Berichts widmete sich der sicherheits- und verteidigungspolitischen Dimension. Kloger verwies auf die starke Resonanz der IV-Taskforce Security & Defense Industry mit mittlerweile 65 beteiligten Unternehmen. Die europäische Aufrüstung – gebündelt in Programmen wie „Rearm Europe“ und „Readiness 2030“ – werde bis 2030 über 800 Mrd. Euro an zusätzlichen Verteidigungsinvestitionen mobilisieren, ergänzt durch das deutsche Sondervermögen von rund 500 Mrd. Euro. Diese Dynamik eröffne österreichischen Technologie- und Industriebetrieben beträchtliche Chancen, setze aber moderne Export- und Genehmigungsregime voraus. Die IV werde den Reformprozess aktiv begleiten.
Causa WK und Standortanalyse
In der Diskussion rund um die Wirtschaftskammer stellte Kloger klar, dass sich die IV Tirol nicht an Personaldebatten beteiligen werde. Die Industrie konzentriere sich auf inhaltliche Reformen und arbeite auf Bundesebene an einem Bündel von Vorschlägen zur Modernisierung der Organisation. Besonders kritisch sei die KU-II-Systematik, in der die Kammer Löhne verhandelt und gleichzeitig von steigenden Lohnsummen finanziell profitiert. Dieses Spannungsfeld müsse mittelfristig aufgelöst werden, um eine schlagkräftige Arbeitgebervertretung sicherzustellen. Abschließend präsentierte Kloger eine volkswirtschaftliche Standortanalyse von IV-Chefökonom Christian Helmenstein, wie sie auch auf der jüngsten Präsidiumsklausur diskutiert wurde. Österreich verliere bei Wachstumsdynamik, Produktivität und Modernisierungsgrad sichtbar an Boden, während Abgabenquote, Zinslasten und regulatorischer Aufwand steigen. Für die Industrie bedeute das: Ohne strukturelle Gegenmaßnahmen werde die Wettbewerbsfähigkeit weiter erodieren – ein Befund, den Kloger als eindeutigen Handlungsauftrag an die Politik formulierte.
Bericht aus den Unternehmen
In der anschließenden Berichterstattung aus den Unternehmen zeigte sich ein weitgehend konsistentes Bild. Über nahezu alle Branchen hinweg wurden steigende Lohnkosten, volatile Kosten bei Energie und Rohstoffen sowie ausufernde Bürokratie und Berichterstattungspflichten als zentrale Belastungen genannt. Viele Betriebe investieren verstärkt in Automatisierung, Digitalisierung und Prozessoptimierung, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und Kostennachteile auszugleichen. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Innovationen – etwa KI-gestützte Systeme, robotiknahe Anwendungen oder neue Fertigungstechnologien – eine Schlüsselrolle für die Standortstärkung einnehmen. Auffällig war der Hinweis mehrerer Unternehmen, dass reine Effizienzsteigerungen nicht ausreichen werden. In Zukunft gewinnen zusätzliche Serviceangebote, intelligente Produkte und kundenspezifische Lösungen an Bedeutung, um Marktanteile in einem schwierigen Umfeld zu halten. Das Lagebild blieb insgesamt heterogen: Während manche Branchen von internationalen Wachstumstrends profitieren, stehen andere unter starkem Kostendruck. Der Grundtenor: Die Rahmenbedingungen müssen sich verbessern, damit Unternehmen ihre Potenziale voll ausschöpfen können.
Bericht des Geschäftsführers: Umsetzungserfolge und neue Initiativen
IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer berichtete abschließend über die Fortschritte bei der Umsetzung des Strategischen Aktionsprogramm der Tiroler Industrie. Im Rahmen des Tirol Konvents sei die IV seit über einem Jahr in die Reformprozesse rund um Verwaltung, Verfahren und E-Government eingebunden. Im Zentrum der Bemühungen des LAndes stehe die Weiterentwicklung der digitalen Verfahrensplattform. Aus Sicht der Industrie brauche es jedoch weit mehr als die Digitalisierung bestehender Abläufe – entscheidend seien echte Verfahrensbeschleunigung, Entbürokratisierung und ein höherer Automatisierungsgrad in Genehmigungsprozessen. Mairhofer dankte Simon Meinschad für dessen Engagement als Projektverantwortlicher. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der grenzüberschreitenden Kooperation mit Bayern und Südtirol. Beim Antrittsbesuch des neuen Direktors des Unternehmerverbands Südtirol (UVS), Mirco Marchiodi, wurden die nächsten Schritte für eine gemeinsame Transitveranstaltung mit dem Verband der Bayerischen Wirtschaft und dem UVS in Verona vereinbart. Dort sollen die drei Verbände ihre Positionen zur Weiterentwicklung des alpenquerenden Güterverkehrs, zur Stärkung der Schiene und zur Neujustierung der Transitpolitik geschlossen präsentieren.
Flächen für Betriebserweiterungen, MINT und Wasserkraft
Ein besonderer Schwerpunkt im Bericht lag auf den betrieblichen Erweiterungsmöglichkeiten. Mairhofer verwies auf die von der IV Tirol beauftragte Studie „WirtschaftsRaum Tirol“, die eine schwerwiegendes politisches Versäumnis offenlegt: Obwohl das Tiroler Raumordnungsgesetz ausdrücklich vorsieht, dass für wesentliche Wirtschaftsbereiche eigene Programme zu entwickeln sind, wurde ein solches Programm für Industrie und Gewerbe nie umgesetzt. Die Folge seien isolierte Entscheidungen auf Gemeindeebene, fehlende Abstimmung und ein Mangel an strategischen Entwicklungsflächen. Nach der Präsentation der Studie im Februar soll gemeinsam mit dem Land ein klarer Prozess erarbeitet werden, wie trotz begrenzter Fläche realistische Wachstumsperspektiven für Industrieunternehmen geschaffen werden können. Erfreuliche Nachrichten gab es von Seiten der erfolgreichen Umsetzung der von der IV Tirol initiierten Tiroler MINT-Strategie. Die 2022 eingerichtete MINT-Koordinationsstelle habe sich als zentrale Drehscheibe für Projekte in Schulen, Kindergärten und Unternehmen etabliert. Programme wie die MINT-Schecks und die Spürnasenecken werden fortgesetzt und weiter ausgebaut. Zusätzlich setzt die IV Tirol eigene Akzente – etwa mit dem Next-Generation-Day und gezielten Unterstützungsmaßnahmen für betriebliche Nachwuchsinitiativen. Mit Blick auf Energie und Versorgungssicherheit hob Mairhofer die Bedeutung des Alpen-Energieforums hervor, das sich als zentrale Austauschplattform etabliert hat. Der Ausbau der Wasserkraft bleibe ein Schlüsselthema für langfristig stabile Strompreise und die Versorgungssicherheit der Industrie.
Industriegespräch und Personalia
Zum Abschluss verwies Geschäftsführer Michael Mairhofer auf das kommende Industriegespräch, das zentrale Austauschformat der IV Tirol mit Landeshauptmann Anton Mattle und Wirtschaftslandesrat Mario Gerber. Er bat die Mitglieder, konkrete Anliegen einzubringen. Ziel sei es, die industriepolitischen Anliegen gebündelt aufzubereiten, Fortschritte nachvollziehbar zu machen und das Format kontinuierlich weiterzuentwickeln. Präsident Max Kloger begrüßte außerdem Thomas Frieß, CEO der Tyrolit Gruppe, als neues Mitglied im Vorstand der IV Tirol. Frieß folgt Ehrenpräsident Christoph Swarovski nach und bringt langjährige industrielle Erfahrung sowie die klare Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit ein. Neu im Beirat ist zudem Thomas Pühringer (IKB), der im Rahmen der Sitzung erstmals offiziell vorgestellt wurde. Beide personellen Nachbesetzungen wurden einstimmig angenommen.


