Das Jubiläum der Antibiotikaproduktion in Tirol zeigt, warum kritische Medikamente nicht nur ein Thema der Gesundheitspolitik sind. Wer Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss industrielle Fähigkeiten in Europa halten – und Standorte stärken, an denen Forschung, Produktion und Know-how zusammenkommen.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Versorgungssicherheit klingt lange abstrakt – bis eine Krise, ein Engpass oder eine unterbrochene Lieferkette daraus eine sehr konkrete Frage macht: Ist das Medikament da oder nicht? Genau deshalb ist das Jubiläum in Kundl mehr als ein industriehistorischer Anlass. Es zeigt, was ein Produktionsstandort leisten kann, wenn technisches Wissen, unternehmerischer Mut und industrielle Erfahrung über Jahrzehnte zusammenfinden.
Die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. In Kundl kam die Biotechnologie nicht aus dem Nichts, sondern aus einer langen Fermentationstradition. Wo über Jahrhunderte Bier gebraut wurde, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein neuer industrieller Zweck: 1946 wurde die Biochemie gegründet, wenige Jahre später gelang in Kundl die Herstellung von Penicillin. Aus Improvisation wurde Kompetenz. Aus einem Nachkriegsprojekt wurde ein europäischer Industriestandort. Warum das bis heute relevant ist? Weil Antibiotika zu den stillen Voraussetzungen moderner Medizin gehören. Ohne verlässliche Antibiotika würde vieles, was wir heute als medizinischen Standard betrachten, auf unsicherem Fundament stehen: Operationen, Krebstherapien, Intensivmedizin, Geburtshilfe. Ihre Verfügbarkeit ist deshalb keine Selbstverständlichkeit, sondern Teil der medizinischen Grundsicherheit einer Gesellschaft.
Kundl ist kein Zufall
Gerade weil Antibiotika so grundlegend sind, reicht es nicht, über ihre medizinische Wirkung zu sprechen. Entscheidend ist auch, wo und unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Aus dieser Frage wird Standortpolitik. In Kundl befindet sich heute der einzige rückwärtsintegrierte Penicillinstandort Europas. Das klingt technisch, fast sperrig. In Wahrheit steckt darin der Kern der Debatte. Rückwärtsintegration heißt: Zentrale Produktionsschritte sind nicht vollständig ausgelagert. Know-how, Wirkstoffkompetenz, Verfahren, Qualitätssicherung und Produktion bleiben zusammen. Im Alltag fällt das kaum auf. In einer Krise entscheidet es darüber, ob Europa kritische Medikamente nur bestellen oder auch herstellen kann. Versorgungssicherheit beginnt nicht erst in der Apotheke. Sie beginnt in Laboren, Anlagen, Reinräumen, Genehmigungsverfahren, Energiekosten, Ausbildungssystemen und Investitionsentscheidungen. Solche Fähigkeiten entstehen nicht über Nacht. Man kann sie auch nicht in der nächsten Krise per Verordnung zurückholen.
Ein Zukunftsfeld für Tirol
Der Blick darf aber nicht bei Kundl stehen bleiben. Das Jubiläum der Antibiotikaproduktion ist der Anlass; die größere Geschichte heißt Pharma und Life Sciences in Tirol. Diese Stärke wird von Unternehmen getragen: von Sandoz, Novartis, Montavit und Gebro Pharma in der pharmazeutischen Industrie ebenso wie von MED-EL, Leonhard Lang und BHS Technologie im Life-Sciences- und Medizintechnikbereich. Gemeinsam zeigen sie: Tirol ist in diesem Feld mehr als ein einzelner Standort. Das ist kein Standortmarketing. Es ist harte Ökonomie. Pharmazeutische Erzeugnisse waren 2024 die stärkste Tiroler Exportwarengruppe. Mehr als jeder fünfte Tiroler Export-Euro entfiel auf diesen Bereich. Das Exportplus des Landes war rechnerisch mehr als vollständig vom Zuwachs bei pharmazeutischen Erzeugnissen getragen.
Der billigste Preis ist nicht immer der günstigste
Gerade bei kritischen Medikamenten müssen wir ehrlicher werden. Natürlich müssen Gesundheitssysteme auf Kosten achten. Natürlich darf Beschaffung nicht beliebig teuer werden. Aber wer bei kritischen Arzneimitteln ausschließlich auf den niedrigsten Preis schaut, darf sich über fragile Lieferketten nicht wundern. Der billigste Einkauf ist nicht automatisch der günstigste, wenn er langfristig Abhängigkeiten schafft, Produktionskapazitäten verdrängt und Europa im Ernstfall verwundbar macht. Resilienz kostet Geld. Fehlende Resilienz kostet im Zweifel mehr. Europa beginnt diese Lektion zu verstehen. Kritische Medikamente werden nicht mehr nur als medizinische Produkte gesehen, sondern als Teil strategischer Sicherheit. Doch Versorgungssicherheit entsteht nicht durch neue Begriffe, sondern an realen Standorten, mit realen Investitionen und verlässlichen Rahmenbedingungen. Dafür braucht es Standortbedingungen, unter denen industrielle Produktion in Europa wettbewerbsfähig bleibt: leistbare Energie, tragbare Arbeitskosten, raschere Verfahren, weniger Bürokratie, ausreichend MINT-Fachkräfte und eine enge Verbindung von Forschung und industrieller Anwendung.
Ein Auftrag, kein Rückblick
80 Jahre Antibiotika aus Kundl sind deshalb kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein Auftrag. Wir müssen jene industriellen Fähigkeiten ernst nehmen, die im Alltag kaum sichtbar sind, aber im Krisenfall entscheidend werden. Arzneimittelsicherheit entsteht nicht am Ende einer Lieferkette, sondern an ihrem Anfang: in Forschung, Produktion, Fachkräften, Investitionen und Standortbedingungen, die solche Kompetenzen in Europa halten. Was wir morgen dringend brauchen, müssen wir heute ermöglichen.


