Das 3. Alpen-Energieforum der IV Tirol zeigte: Wer Energieautonomie will, muss Tempo in konkrete Projekte bringen. Für die Industrie zählen Versorgungssicherheit, leistbare Preise und Strom, der verlässlich verfügbar ist, wenn Betriebe ihn brauchen.
Internationale Krisen machen sichtbar, wie verwundbar Europas Energieversorgung bleibt. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Iran und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus zeigen, wie rasch geopolitische Konflikte auf Preise und Wettbewerbsfähigkeit durchschlagen. Für Europa geht es deshalb nicht nur um Klimaziele, sondern um Energie, die verlässlich, leistbar und unabhängiger von politischem Druck bereitsteht.
Beim 3. Alpen-Energieforum der Industriellenvereinigung Tirol am 22. Juni 2026 im Congresspark Igls wurde diese Frage aus der Perspektive des Alpenraums diskutiert. Gemeinsam mit TIWAG – Tiroler Wasserkraft AG und Wirtschaftskammer Tirol lud die IV Tirol zum Fachforum für den Alpenraum; ORF Tirol und Tiroler Tageszeitung begleiteten die Veranstaltung als Medienpartner. Vor mehr als 230 Gästen wurde deutlich: Tirol hat starke Voraussetzungen für eine erneuerbare Energiezukunft. Entscheidend ist, ob daraus rasch konkrete Projekte werden.
Wasserkraft als Standortfaktor
IV-Tirol-Präsident Max Kloger eröffnete das Forum gemeinsam mit Landeshauptmann Anton Mattle und stellte die Energiefrage in den Zusammenhang des Produktionsstandorts. „Tirol ist heute eine der lebenswertesten Regionen Europas. Aber dieser Wohlstand ist nicht vom Himmel gefallen“, sagte Kloger. Er sei hart erarbeitet worden – „von den fleißigen Menschen in unserem Land und von unseren heimischen Unternehmen, die hier investieren, produzieren, ausbilden und mit Innovationskraft und unternehmerischem Mut international erfolgreich sind“. Die wichtigste Grundlage dafür sei die Wasserkraft. Sie habe den Tiroler Unternehmen über Jahrzehnte verlässliche, heimische Energie bereitgestellt und industrielle Entwicklung, regionale Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht. Bei der Energiewende gehe es daher nicht nur um Klimapolitik, sondern um Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit, leistbare Energie und die Zukunft des Produktionsstandorts.
Ein Mix, der zu Tirol passt
Kloger sprach sich gegen ein Entweder-oder der erneuerbaren Energien aus. Photovoltaik werde stark wachsen, Windkraft könne dort ergänzen, wo sie technisch sinnvoll und wirtschaftlich machbar sei. Entscheidend sei aber, die Stärken des Standorts Tirol konsequent zu nutzen: Wasserkraft als Rückgrat der Energieversorgung und Pumpspeicher als zentrale Voraussetzung, um erneuerbaren Strom in großen Mengen verlässlich verfügbar zu machen. Gerade bei großen Energiemengen seien Pumpspeicher im alpinen Raum derzeit die stärkste Antwort. Sie könnten Schwankungen ausgleichen, Netze stabilisieren und Versorgungssicherheit schaffen. Damit verbunden sei eine klare Erwartung an die Umsetzung: Zentrale Energieprojekte dürften nicht über Jahre in Verfahren stecken bleiben. „Wir können nicht grundsätzlich Ja zur Energiewende sagen und jedes Kraftwerk, jede Leitung und jedes Speicherprojekt reflexartig ablehnen, sobald es konkret wird“, sagte Kloger.
Landeshauptmann Anton Mattle bekräftigte den energiepolitischen Kurs des Landes. Tirol hält am Ziel fest, bis 2050 energieautonom zu werden. Dafür setzt das Land auf den Ausbau heimischer erneuerbarer Energie, insbesondere der Wasserkraft, auf mehr Photovoltaik und auf Pumpspeicher als Speicherform für große Energiemengen im alpinen Raum. Für Mattle ist Energiepolitik auch Standortpolitik: Versorgungssicherheit, leistbare Energie und heimische Ressourcen seien zentrale Voraussetzungen, damit Tirols Unternehmen auch künftig auf den Weltmärkten erfolgreich sein können.
Energie als Wettbewerbsfaktor
Holger Bonin, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Höhere Studien, ordnete die Debatte in den europäischen Zusammenhang ein. Energie werde zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt. Europa brauche deutlich mehr Strom, um Abhängigkeiten zu verringern, die Dekarbonisierung voranzubringen und den steigenden Bedarf durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zu decken. Hohe Energiepreise seien ein Standortnachteil gegenüber den USA und Asien. Energiesparen bleibe wichtig, ersetze aber nicht den Ausbau. Europa müsse mehr erneuerbare Energie erzeugen, Netze besser verbinden und Speicher ausbauen. Für Tirol folgt daraus eine klare Aufgabe: Heimische erneuerbare Energie muss rascher verfügbar werden, wenn sie Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit stärken soll.
Speicher machen Strom verfügbar
Michael Sterner, Professor für Energiespeicher, Energiewirtschaft, Wasserstoff und Erneuerbare Energien an der OTH Regensburg, zeigte, warum Speicher im erneuerbaren Energiesystem eine Schlüsselrolle spielen. Strom aus erneuerbaren Quellen entsteht nicht automatisch dann, wenn Betriebe, Haushalte oder Infrastruktur ihn brauchen. Er muss gespeichert, verschoben und verlässlich nutzbar gemacht werden. Batteriespeicher können kurzfristige Schwankungen ausgleichen. Pumpspeicher können große Energiemengen über längere Zeiträume verschieben. Gerade im Alpenraum treffen dafür Wasser, Höhenunterschiede und energiewirtschaftliche Erfahrung zusammen. Speicher entscheiden damit darüber, ob erneuerbarer Strom nicht nur bilanziell erzeugt, sondern tatsächlich zur richtigen Zeit verfügbar ist.
Akzeptanz braucht nachvollziehbaren Nutzen
Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler und Leiter des Instituts für Strategieanalysen, rückte die öffentliche Vermittlung der Energiewende in den Mittelpunkt. Die Zustimmung zu erneuerbarer Energie sei hoch, nehme aber häufig ab, sobald konkrete Projekte vor Ort sichtbar werden. Dann gehe es nicht mehr nur um Klimaziele, sondern um Landschaft, Kosten, Verfahren, Vertrauen und den unmittelbaren Nutzen. Filzmaier warnte davor, Skepsis vorschnell als Blockade abzutun. Entscheidend sei, klarer zu erklären, was Projekte leisten: mehr Unabhängigkeit, höhere Versorgungssicherheit, verlässlichere Preise und Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Akzeptanz entsteht dort, wo Menschen nachvollziehen können, warum ein Kraftwerk, ein Speicher oder eine Leitung notwendig ist.
Finanzierung und Standortrealität
In der abschließenden Diskussion „Wer finanziert eigentlich die Energiewende?“ wurde deutlich: Der Umbau muss so effizient wie möglich erfolgen, weil Kosten am Ende bei Konsumenten, Betrieben und öffentlicher Hand ankommen. Entscheidend sind planbare Rahmenbedingungen, rascher Netzausbau und ein Zusammenspiel der erneuerbaren Technologien statt eines Entweder-oder. Mit Roland Gander, CEO Novartis Campus Kundl/Schaftenau, war die Perspektive eines großen Produktionsstandorts vertreten. Tirol bietet dafür weiterhin gute Gründe, doch das Gesamtpaket wird anspruchsvoller. Energiepreise wirken über Kosten, Inflation und Löhne direkt auf die Wettbewerbsfähigkeit. Umso wichtiger ist, dass Tirol alles daransetzt, industrielle Produktion auch künftig verlässlich und wettbewerbsfähig möglich zu machen.
2050 klingt weit weg. Für Betriebe ist es das nicht. Wer heute über neue Anlagen, Prozesse oder Standorte entscheidet, braucht die Sicherheit, dass Strom auch morgen verfügbar und leistbar bleibt. Daran wird sich Tirols Energieautonomie messen lassen: ob sie Investitionen im Land ermöglicht, Abhängigkeiten verringert und den Standort stärker macht. Dafür braucht es jetzt Projekte, die nicht nur geplant, sondern genehmigt, finanziert und gebaut werden.


