Die Demonstration am Brenner zeigt, wie groß der Druck in der Transitfrage geworden ist. Damit der BBT Bevölkerung, Standort und Güterverkehr tatsächlich entlasten kann, braucht es mehr als den Tunnel: Unterinntaltrasse, Verladeterminals und europäische Regeln müssen rechtzeitig stehen.
Bei der Demonstration am Brenner entlädt sich am 30. Mai die verständliche Frustration, die sich bei den Betroffenen entlang der Brennerroute über die letzten Jahre des politischen Hickhacks ohne wirkliche Verbesserungen, weder für Menschen noch lokale Wirtschaft, aufgebaut hat. Eine tragfähige Antwort auf diese zentrale Frage der Tiroler Landespolitik entsteht aber nicht am Tag der Sperre, sondern in den Entscheidungen, die jetzt für die Zeit nach der Eröffnung des Brenner Basistunnels getroffen werden. Es steht außer Frage: Soll der BBT Bevölkerung, Standort und Güterverkehr tatsächlich entlasten, muss deutlich mehr Fracht auf die Schiene. Im alpenquerenden Güterverkehr ist das die einzig realistische Entlastungsperspektive. Dafür reicht der Tunnel allein nicht aus: Güter müssen dort auf die Bahn kommen, wo es logistisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Genau deshalb dürfen Unterinntaltrasse, Terminals und europäische Regeln für definierte Transitfracht nicht als spätere Detailfragen behandelt werden.
Verlagerung beginnt vor dem Tunnel
„Ein Brenner Basistunnel ohne ausreichend Züge und Verladeterminals ist wie ein neu gebautes Sägewerk ohne Holz: Die Anlage steht, aber sie kann nicht arbeiten. Bei einer Infrastruktur dieser Größenordnung muss vor der Eröffnung klar sein, wie sie im Betrieb funktioniert. Die Politik muss jetzt entscheiden, nicht erst dann, wenn der Tunnel fertig ist“, betont Matthias Danzl, EGGER-Werk in St. Johann und IV-Tirol-Verkehrsexperte.
Für die Tiroler Industrie ist die Terminalfrage zentral. Hall ist für den Zentralraum gesetzt und muss kapazitätsseitig final ausgebaut werden. Zusätzlich braucht es für das Unterland, die süddeutsche Wirtschaft und den aus Norden kommenden Güterverkehr einen leistungsfähigen Verladestandort zwischen Wörgl und Kufstein – idealerweise möglichst nahe an der deutschen Grenze. Die Unterinntaltrasse ist dafür unverzichtbar. Sie schafft die Voraussetzung, um Fracht aus dem Norden sinnvoll in Richtung Brenner Basistunnel zu führen, stärkt die Schienenlogistik der Unternehmen im Unterland und ist zugleich ein entscheidender Hebel für Entlastung entlang der Brennerautobahn. Wer diesen Ausbau verschiebt, schwächt daher nicht nur die Transitlösung und die Standortlogistik der Tiroler Wirtschaft, sondern auch jene Entlastungsperspektive, auf die Bevölkerung und Betriebe seit Jahren warten.
Der richtige Standort entscheidet
Fracht verlagert sich nicht von selbst. Sie muss dort auf die Schiene kommen, wo sie entsteht oder wo sie in den Brennerkorridor eintritt. Deshalb braucht es neben Hall einen leistungsfähigen Terminal im Unterland, praxistaugliche technische Lösungen und ausreichende Kapazitäten für den kombinierten Verkehr. Solange der deutsche Nordzulauf noch nicht vollständig zur Verfügung steht, müssen Übergangslösungen nahe an der Grenze mitgeplant werden. Wenn definierte Transitfracht künftig in den BBT verlagert werden soll, braucht es dafür belastbare Vereinbarungen mit der Europäischen Union und klare Regeln für die Verladung. „Wer eine Million Lkw auf die Schiene bringen will, muss vorher die Infrastruktur bauen, mit der diese Verlagerung möglich wird. Der BBT wird nicht daran gemessen werden, ob er als Bauwerk fertig ist, sondern ob ausreichend Güterzüge durch ihn fahren“, so Danzl.
Jetzt nicht aufschieben
Mit der neuen Flachbahn durch den Brenner Basistunnel verkürzt sich die Strecke von 77 auf 55 Kilometer. Die Fahrzeit sinkt von 105 auf 35 Minuten. Gleichzeitig können künftig längere und schwerere Güterzüge geführt werden: statt 450 Meter Zuglänge und 1.400 Tonnen Zuglast künftig 740 Meter und 2.400 Tonnen. Dieses Potenzial darf nicht durch fehlende Anschlussinfrastruktur verspielt werden. Die Unterinntaltrasse ist keine Budgetreserve, sondern Teil des Gesamtsystems Brenner Basistunnel. „Wer A sagt, muss auch B sagen. Den BBT zu bauen und gleichzeitig die dafür notwendige Infrastruktur zu verschieben, wäre fahrlässig. Tirol braucht keine Vertröstungen, sondern Entscheidungen: für den Ausbau des Terminals Hall, einen leistungsfähigen Verladestandort im Unterland, die Unterinntaltrasse und europäische Grundlagen für die Verlagerung von Transitfracht“, betont Danzl. Die Demonstration am 30. Mai macht sichtbar, wie groß die Erwartung an echte Entlastung entlang der Brennerroute ist. Wer diese Erwartung ernst nimmt, muss den Brenner Basistunnel rechtzeitig funktionsfähig machen. Dafür braucht es Terminals am richtigen Ort, europäische Regeln für definierte Transitfracht und vor allem die Realisierung der Unterinntaltrasse. Sie ist keine spätere Ergänzung, sondern die Voraussetzung dafür, dass der BBT im Güterverkehr seine Wirkung entfalten kann.


