Vorstand und Beirat der IV Tirol berieten am 29. September in Innsbruck über Verwaltungsvereinfachung, Energieentlastung und weitere Standortprojekte. Die Unternehmensberichte zeigten: Hohe Kosten und Regulierung belasten auch Betriebe mit guter Auftragslage.
Entbürokratisierung ist ein Hebel für bessere Standortbedingungen, den Tirol selbst nutzen kann. Gemeinsam mit dem Land Tirol und ihren Partnern arbeitet die IV Tirol deshalb an einfacheren und planbaren Behördenverfahren. Vizepräsident Simon Meinschad erläuterter „Public Next“, ein gemeinsames Zukunftsbild für das Zusammenwirken von Verwaltung und Wirtschaft. Es gibt der Reformarbeit im Tirol Konvent, der Verwaltung und Behördenverfahren vereinfachen soll, einen Rahmen. IV Tirol und Wirtschaftskammer Tirol vertreten dabei die Unternehmen. Die digitale Verfahrensplattform des Landes soll Genehmigungen transparenter und planbarer machen: Unterlagen, Bescheide, Verfahrensstände und Zuständigkeiten sollen für Betriebe zentral einsehbar sein. Nach dem Pilotbetrieb in Schwaz ist die Einführung in allen Bezirkshauptmannschaften noch 2026 vorgesehen. Bauverfahren und ab 2027 weitere Verfahrensarten sollen folgen. Über eine Anlaufstelle will die IV Tirol zudem Verfahrensprobleme ihrer Mitglieder sammeln und an die zuständigen Stellen herantragen.
Inklusion im Betrieb stärken
Wie Unternehmen Menschen mit Behinderungen beschäftigen und bestehende Mitarbeitende bei gesundheitlichen Einschränkungen unterstützen können, erläuterte Bernhard Grauss vom Key Account Management Tirol des NEBA-Betriebsservice. Im Mittelpunkt stand die betriebliche Praxis: von Einstellung und Fördermöglichkeiten über geeignete Arbeitsplätze bis zum Umgang mit Langzeitkrankenständen und Wiedereingliederungsteilzeit. Das kostenfreie Service begleitet Unternehmen und bindet bei Bedarf spezialisierte Fachdienste ein. Auch Führungskräfteschulungen und Unterstützung bei der Entwicklung einer inklusiven Unternehmenskultur gehören zum Angebot.
Entlastung statt zusätzlicher Auflagen
Präsident Max Kloger berichtete über die schwache Konjunktur und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. WIFO und IHS prognostizierten für Österreich ein Wachstum von 0,8 bis 0,9 Prozent für 2026 und von 1,0 bis 1,1 Prozent für 2027. Die IV Tirol fordert weiterhin Entlastungen bei Arbeits- und Energiekosten sowie bessere Voraussetzungen für Investitionen. Beim Klimaschutz tritt die IV Tirol für das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 ein, lehnt aber das österreichische Vorziehen auf 2040 ab. Bei der Entgelttransparenz unterstützt sie gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, fordert aber eine Überarbeitung der Richtlinie, ein Aussetzen ihrer Umsetzung und die Vermeidung zusätzlicher nationaler Vorgaben. Vor einer Erhöhung der Beiträge zum Insolvenz-Entgelt-Fonds sollen dessen Leistungen und Effizienz überprüft werden. Als wichtige Entlastungen begrüßt die IV Tirol den geplanten Industriestrompreis für 2027 bis 2029 und die Strompreiskompensation SAG+ für indirekte CO₂-Kosten. Kritisiert wurde die vorgesehene Standortgarantie: Ab zwei Millionen Euro jährlicher Auszahlung sollen grundsätzlich 90 Prozent des Personalstands im Förderjahr erhalten werden. Die IV Tirol hält diese zusätzliche Auflage beihilfenrechtlich für unnötig.
Aufträge unter Kostendruck
Die Unternehmensberichte zeigten eine uneinheitliche Entwicklung bei weiterhin hohem Druck auf Kosten und Erträge. Während einzelne Betriebe von stabiler Auslastung, steigenden Umsätzen oder einer besseren Auftragslage berichteten, bleiben Wohnbau und Möbelmarkt schwach. Öffentliche Infrastrukturinvestitionen stützen die Nachfrage. Chancen eröffnen neue Produkte, Energieeffizienz, Dekarbonisierung und Automatisierung. Auch bei ausreichenden Aufträgen bleibt die Ertragslage unter Druck. Hohe Arbeits-, Energie-, Rohstoff- und Transportkosten lassen sich im internationalen Wettbewerb nur begrenzt weitergeben und drücken auf die Margen. Volatile Beschaffungspreise und hoher Finanzierungsbedarf erschweren die Planung. Regulatorische Unsicherheit und zusätzliche CO₂-Kosten belasten Investitionsentscheidungen, während unterschiedliche Vorgaben in wichtigen Exportmärkten den Aufwand erhöhen. Mehrere Betriebe setzen verstärkt auf Digitalisierung, Automatisierung und KI, um ihre Produktivität zu steigern und hohe Standortkosten auszugleichen. Damit verändert sich auch der Personalbedarf bei qualifizierten Tätigkeiten. Gleichzeitig bleibt die Nachfolge altersbedingt ausscheidender Beschäftigter eine Herausforderung. In Osttirol erschweren demografische Alterung und zu geringer Zuzug die Fachkräftesicherung zusätzlich.
Verlässliche Verbindungen schaffen
Beim Schienengüterverkehr bleibt Verlagerungspotenzial ungenutzt. Das zeigte eine von Geschäftsführer Michael Mairhofer vorgestellte Mitgliederbefragung: 15 von 27 Unternehmen könnten bei attraktiveren Bedingungen mehr Güter auf die Schiene verlagern. Lange Transport- und Umschlagszeiten, hohe Kosten und mangelnde Planbarkeit stehen dem entgegen. Neben ausreichenden Terminalkapazitäten braucht es verlässliche Laufzeiten, wettbewerbsfähige Angebote und eine bessere Nutzung der bestehenden Infrastruktur. Auch die flugtechnische Erreichbarkeit bleibt ein Anliegen der IV Tirol. Für das am 1. Oktober vorgesehene Industriegespräch mit Landeshauptmann Anton Mattle und Landesrat Mario Gerber war sie als wichtiges Thema angekündigt. Die IV Tirol setzt sich für die Sicherung der Verbindung Innsbruck–Wien mit frühem Hinflug und spätem Rückflug ein, damit Geschäftstermine innerhalb eines Tages möglich sind. Ein weiteres Ziel ist die Wiederaufnahme einer Frankfurt-Anbindung.
Standortarbeit gezielt weiterentwickeln
Zur Halbzeit der Umsetzung unterzieht die IV Tirol ihr gesamtes Strategisches Aktionsprogramm der Tiroler Industrie 2030 einer kritischen Prüfung. Mit seinen 24 Leitprojekten soll Tirol bis 2030 unter die 20 wettbewerbsfähigsten Industrieregionen Europas gelangen. Dafür analysieren die Expertinnen und Experten der IV Tirol zunächst die aktuelle Auswertung des Regional Competitiveness Index der Europäischen Kommission, um Fortschritte und Schwächen Tirols im europäischen Vergleich einzuordnen. Auf dieser Grundlage werden die bisherige Umsetzung und die weitere Ausrichtung der Leitprojekte im Austausch mit den Projektverantwortlichen überprüft und das Programm aktualisiert.
Veränderungen in den Gremien
Für die Funktionsperiode 2026 bis 2029 folgen Andrea Berghofer und Hannes Wörner im Bundesvorstand der Industriellenvereinigung auf Günther Berghofer und Paul Unterweger. Simon Meinschad bleibt auch nach seinem Wechsel von hollu Systemhygiene zu IMARK Vizepräsident der IV Tirol. Silvia Lieb wurde nach ihrem Wechsel als Finanzdirektorin zum ORF aus dem Beirat verabschiedet. Präsident Max Kloger dankte ihr für ihre Mitarbeit und ihr Engagement für die IV Tirol.
Geopolitik und digitale Souveränität
Im Anschluss an die Sitzung luden die IV Tirol und A1 zum gemeinsamen Abendessen im Restaurant des Austria Trend Hotel Congress. Im Mittelpunkt stand die Bedeutung souveräner Cloud- und KI-Infrastrukturen für den Wirtschaftsstandort Österreich. Geoökonomie- und Sicherheitsexperte Prof. Dr. Heiko Borchert beleuchtete in seiner Keynote globale Machtverschiebungen und ihre Auswirkungen auf Europa. Der Abend bot Raum für Diskussionen über geopolitische Abhängigkeiten und Handlungsoptionen sowie für persönlichen Austausch.


