Bei der Tagung „Infrastrukturen für ein regionales Wachstum. Entwicklungsmöglichkeiten nördlich und südlich des Brenners“ am 8. Juni kamen zentrale Akteure der Brennerachse zusammen. Für die IV Tirol stellte Matthias Danzl klar: Der Brenner Basistunnel kann Entlastung bringen – wenn sein Betrieb rechtzeitig vorbereitet wird.
Der Brenner verbindet Industrie, Märkte und Regionen nördlich und südlich der Alpen. Genau diese Funktion stand im Zentrum der Tagung in Trient: Der Korridor trägt einen Wirtschaftsraum, der auf verlässliche Verbindungen angewiesen ist. Der Unternehmerverband Südtirol und Confindustria Trento gaben diesem Zugang bewusst Raum – mit einem Forum, das die Brennerfrage von ihrer Bedeutung für Betriebe, Beschäftigte, Exporte und regionale Entwicklung her aufrollte. Alexander Rieper, Präsident des Unternehmerverbandes Südtirol, machte in seiner Eröffnungsrede deutlich, dass der Brennerkorridor keiner Region allein gehört. Er ist europäische Infrastruktur und damit gemeinsame Verantwortung: für die Entlastung der Bevölkerung, für funktionierende Verkehrsflüsse und für die Wettbewerbsfähigkeit entlang der gesamten Achse.
Lorenzo Delladio, Präsident von Confindustria Trento, führte diese Linie zur produzierenden Wirtschaft weiter. Wer über Verkehr spricht, spricht über industrielle Wertschöpfung: über Vorleistungen, Exporte, Beschäftigte und Produktionsketten, die auf verlässliche Verbindungen angewiesen sind. Für Italiens Industrie ist der Brenner die Lebensader nach Norden. Über ihn laufen Vorleistungen, Exporte und Produktionsketten zu den wichtigsten Märkten Europas.
Tirols Beitrag: Betriebsfähigkeit vor Eröffnung
Für die IV Tirol führte Verkehrsexperte Matthias Danzl die Debatte von der Bedeutung des Brenners zur praktischen Umsetzung weiter. Der Brenner Basistunnel kann die versprochene Entlastung nur bringen, wenn der Korridor rechtzeitig für den Betrieb vorbereitet wird. Der Fokus auf Baufortschritt und Eröffnungstermin greift zu kurz. Entscheidend ist, ob Güter im Alltag verlässlich, schnell genug und wirtschaftlich auf der Schiene fahren können. Die Größenordnung ist erheblich: Perspektivisch geht es um rund eine Million Lkw-Fahrten, die vom Brenner auf die Schiene verlagert werden könnten. Genau deshalb reicht es nicht, den BBT als Bauwerk zu denken. Entscheidend ist, ob der gesamte Korridor für den Betrieb vorbereitet wird. „Die Wirtschaft verlagert dort, wo die Schiene funktioniert – nicht dort, wo sie nur gefordert wird“, sagte Danzl. Wer mehr Güter auf die Bahn bringen wolle, müsse zuerst die Bedingungen schaffen, unter denen diese Entscheidung betriebswirtschaftlich Sinn ergibt. Der IV-Tirol-Verkehrsexperte rückte damit jene Voraussetzungen in den Vordergrund, die über die Wirkung des BBT entscheiden: leistungsfähige Terminals, funktionierende Zulaufstrecken, ausreichende Kapazitäten für lange und schwere Güterzüge, klare Wechselpunkte zwischen Straße und Schiene sowie abgestimmte Regeln zwischen Italien, Österreich und Deutschland. Ohne diese Grundlagen bleibt Verlagerung ein politisches Ziel mit zu wenig Wirkung im Betrieb.
Verlagerung braucht Alltagstauglichkeit
Aus dieser Betriebslogik heraus ordnete Danzl auch die Tiroler Transitpolitik ein. Blockabfertigung, Nachtfahrverbot und Dosierungen stehen seit Jahren im Zentrum der politischen und europarechtlichen Auseinandersetzung um den Brenner. Für die Tiroler Wirtschaft ist klar: Die Belastung entlang der Route ist ernst zu nehmen. Gleichzeitig müssen Instrumente daran gemessen werden, ob sie Verkehr planbarer machen und Entlastung ermöglichen. „Die Tiroler Wirtschaft hat Verständnis für die Bevölkerung entlang der Brennerroute. Aber Maßnahmen, die Lkw-Fahrten nur in engere Zeitfenster drücken, lösen das Problem nicht“, betonte Danzl. Verkehrslenkung müsse den Verkehr flüssiger machen und dürfe Lieferketten nicht weiter verengen. Maßnahmen, die Verkehr zeitlich verdichten, schaffen noch keine Verlagerung. Sie erhöhen den Druck auf Transporte, Betriebe und Lieferketten, solange keine leistungsfähige Alternative im Schienengüterverkehr bereitsteht. Gerade deshalb müssen Transitmaßnahmen, BBT-Betrieb und Schienenangebot zusammengedacht werden.
Anschlussfähigkeit des Korridors
Bayern rückte die Anschlussfähigkeit des gesamten Korridors in den Mittelpunkt. Für Bayern ist die Brennerachse eine zentrale Verbindung Richtung Italien und Mittelmeerraum; entsprechend hängt die Wirkung des BBT auch davon ab, ob die Zuläufe im Norden rechtzeitig leistungsfähig sind. Christine Völzow von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft verwies in ihrem Redebeitrag daher auf die Notwendigkeit einer raschen Planung und Umsetzung des Nordzulaufs sowie auf bessere grenzüberschreitende Koordination. Kapazitäten, Baustellen, Zuläufe und Verkehrsführung dürfen nicht national nebeneinander geplant werden, wenn der Güterverkehr später verlässlich auf der Schiene laufen soll. Gerade in der Übergangsphase bis zum vollständigen Nordzulauf braucht es abgestimmte Lösungen, damit der BBT seine Wirkung nicht an Engpässen oder fehlender Koordination verliert. Bertram Brossardt unterstrich diese Linie in seiner Videobotschaft.
Gemeinsame Forderung für die Brennerachse
Die Positionen aus Italien, Tirol und Bayern verdichteten sich zu einer gemeinsamen Forderung: Der Brenner muss als gesamte Achse gedacht und umgesetzt werden – als Lebensader für Italiens Industrie nach Norden, als leistungsfähiger Anschluss für Bayern und Deutschland nach Süden und als Entlastungsperspektive für Tirol. Dafür muss der Betrieb des Korridors jetzt vorbereitet werden: mit realistischen Auslastungssimulationen, klaren Übergängen bis zum vollständigen Nordzulauf, europäisch abgestimmten Regeln und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Verlagerung im Alltag gelingt. Der Brenner Basistunnel erfüllt seinen Zweck erst, wenn Terminals, Zuläufe, Kapazitäten, Regeln und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zusammenspielen. Dann bringt das Jahrhundertprojekt Güterverkehr planbar auf die Schiene – und wird zu jener Entlastungsinfrastruktur, die Bevölkerung, Betriebe und die gesamte Brennerachse brauchen.


