Die Schweiz ist keine Blaupause für Österreich. Die diesjährige Technologiereise der IV Tirol zeigt aber, wie ein Hochlohnstandort industrielle Wertschöpfung, Forschung und Innovation besonders erfolgreich verbinden kann. Entscheidend ist nicht, möglichst billig zu sein, sondern Fähigkeiten aufzubauen, die ihren Preis wert sind – und daraus wirtschaftlichen Erfolg zu machen.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Österreich und die Schweiz werden im globalen Wettbewerb nicht über niedrige Löhne gewinnen. Beide sind auf Fachkräfte, technologische Stärke und hohe Produktivität angewiesen. Umso interessanter ist die Frage, warum die Schweiz bei zentralen Innovations- und Produktivitätsindikatoren deutlich besser abschneidet.
In mehreren der besuchten Unternehmen zeigt sich dieselbe industrielle Logik: Nicht Masse macht den Standort wertvoll, sondern Spezialisierung. Fachkräfte, Prozesswissen und die Verbindung von Entwicklung und Fertigung schaffen Kompetenzen, die sich nicht beliebig verlagern lassen. Wer an einem teuren Standort produziert, muss an anderer Stelle besser sein.
Aus Forschung muss Wertschöpfung werden
Österreich investiert keineswegs zu wenig in Forschung. Im European Innovation Scoreboard 2026 liegen die österreichischen Unternehmen bei ihren F&E-Ausgaben relativ zum EU-Durchschnitt sogar vor der Schweiz. Beim wirtschaftlichen Ergebnis dreht sich jedoch das Bild: Bei Verkäufen mit markt- oder unternehmensneuen Innovationen erreicht die Schweiz mehr als doppelt so hohe Werte wie Österreich.
Das spricht dafür, dass Österreichs Schwäche weniger beim Forschungsinput als bei der Übersetzung in neue Produkte und Wertschöpfung liegt. Forschung wird wirtschaftlich dann stark, wenn Unternehmen daraus Anwendungen entwickeln, investieren und am Markt erfolgreich sind. Dafür braucht es enge Verbindungen zwischen Forschung, Unternehmen und hochqualifizierten Menschen.
Leistung muss sich lohnen
Ein Hochlohnstandort muss nicht nur für Unternehmen wettbewerbsfähig sein, sondern auch für jene Menschen attraktiv bleiben, auf deren Wissen und Leistung seine Stärke beruht. Genau hier zeigt sich ein erheblicher Unterschied: Der OECD-Tax-Wedge für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag 2025 in Österreich bei 47,1 Prozent der Arbeitskosten, in der Schweiz bei 23,0 Prozent. Er beschreibt die Lücke zwischen dem, was Arbeit ein Unternehmen insgesamt kostet, und dem Einkommen, das nach Steuern und Sozialabgaben beim Beschäftigten ankommt.
Eine große Lücke belastet beide Seiten: Unternehmen müssen deutlich mehr aufwenden, als bei den Beschäftigten tatsächlich ankommt. Gerade im Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte ist das ein Standortnachteil. Ein erfolgreicher Hochlohnstandort braucht deshalb beides: Unternehmen, für die sich qualifizierte Arbeit rechnet, und Beschäftigte, die von ihrer Leistung spürbar mehr behalten.
Pragmatismus als Stärke
Die Schweiz ist kein wirtschaftspolitisches Paradies. Auch dort sind Bürokratie, Fachkräftemangel, hohe Kosten und schwierige internationale Rahmenbedingungen Thema. Auffällig in den Gesprächen dieser Reise war aber ein pragmatischer Umgang mit Veränderung: Neue Bedingungen werden relativ schnell als Ausgangspunkt für die nächste Lösung genommen.
Österreich muss die Schweiz nicht kopieren. Aber als Hochlohnland müssen wir dieselbe Frage beantworten: Schaffen wir konsequent genug jene Bedingungen, unter denen Spezialisierung, Innovation und hochproduktive Arbeit ihren Kostennachteil nicht nur ausgleichen, sondern in einen Vorsprung verwandeln?


