Der Fachkräftemangel ist aus den Schlagzeilen verschwunden, für viele Industriebetriebe aber weiterhin Realität. Die schwache Konjunktur hält den zusätzlichen Personalbedarf derzeit niedrig und lässt den Engpass weniger akut erscheinen. Der demografische Wandel läuft jedoch weiter. Ob Tirols Industrie den nächsten Aufschwung nutzen kann, entscheidet sich deshalb schon heute.
Ein Kommentar von IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer
Vor der Pandemie gehörte fehlendes Personal zu den bestimmenden Produktionshemmnissen der Industrie. Während der Pandemie begrenzten Materialengpässe die Fertigung, danach belastete die schwache Nachfrage die Betriebe. Die mehrjährige Industrieflaute verringerte den unmittelbaren Bedarf an zusätzlichen Beschäftigten und drängte den Fachkräftemangel aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die demografische Entwicklung lief währenddessen jedoch ungebremst weiter. Der jüngste Geschäftsklimaindex der IV Tirol zeigt eine bessere Auftragslage, doch die Betriebe planen weiterhin vorsichtig. Der kurzfristige Personalbedarf bleibt daher begrenzt. Zugleich spüren laut aktuellem Fachkräfte-Radar der Wirtschaftskammer 58 Prozent der befragten Industrieunternehmen den Mangel stark oder sehr stark. Beide Befunde gehören zusammen. Die Konjunktur kann den Personalbedarf innerhalb weniger Quartale verändern. Der demografische Wandel folgt einem anderen Takt: Fachkräfte auszubilden, einzuarbeiten und betriebliches Wissen weiterzugeben dauert Jahre.
Wissen erfolgreich weitergeben
Für die Betriebe geht es um mehr als unbesetzte Stellen. Erfahrene Beschäftigte bringen technisches Wissen, Prozessverständnis, Kundenkenntnis und Führungserfahrung ein. Manches davon lässt sich in Handbüchern festhalten. Vieles steckt im Gespür für eine Anlage, im Blick für einen Fehler oder im Urteil, wenn ein Ablauf plötzlich nicht mehr funktioniert. Dieses Erfahrungswissen wächst über Jahre und lässt sich nicht in wenigen Monaten neu aufbauen. Bleiben erfahrene Beschäftigte länger im Beruf, können sie jüngere Kollegen begleiten und ihr Wissen auch an später nachrückende Fachkräfte weitergeben.
Lehre schafft Vorsprung
Die Lehre schafft dafür besonders gute Voraussetzungen: Sie bringt junge Menschen direkt in die Betriebe und mit erfahrenen Kollegen zusammen. Sie ist ein internationales Erfolgsmodell und eine tragende Säule des Wirtschaftsstandorts Österreich. Sie eröffnet jungen Menschen hervorragende Perspektiven und sichert den Betrieben qualifizierten Nachwuchs. Da weniger junge Menschen nachrücken und die Lehrlingszahlen sinken, gewinnt sie für die Zukunft der Industrie weiter an Bedeutung. Umso mehr kommt es darauf an, junge Menschen für technische Lehrberufe zu gewinnen und erstklassig auszubilden. Doch auch die Lehre allein wird den gesamten Fachkräftebedarf nicht decken können. Tirols Industrie bleibt zusätzlich auf qualifizierte Fachkräfte von außerhalb angewiesen. Ebenso entscheidend ist, erfahrene Beschäftigte länger im Beruf zu halten.
45 Arbeitsjahre als Maßstab
Wie lange Menschen arbeiten, ist eine Gerechtigkeits- und Finanzierungsfrage des Pensionssystems. Für die Industrie ist es zugleich eine Fachkräfte- und Wertschöpfungsfrage. Bleiben erfahrene Beschäftigte länger im Beruf, können Unternehmen weiterhin auf ihre Fähigkeiten und ihre Erfahrung zurückgreifen. Der Vorschlag von Tirols Landeshauptmann Anton Mattle verdient deshalb Unterstützung. Er sieht vor, den Pensionsantritt bei weniger als 45 tatsächlichen Arbeitsjahren über das 65. Lebensjahr hinaus zu verschieben. Das biologische Alter allein bildet sehr unterschiedliche Erwerbsbiografien nur grob ab. Wer früh in den Beruf eingestiegen ist, hat mit 65 wesentlich mehr Arbeitsjahre geleistet als jemand mit einem späteren Berufseinstieg. Die 45-Jahre-Linie berücksichtigt diesen Unterschied. Sie kann dazu beitragen, qualifizierte Menschen länger im Beruf zu halten und zugleich die Finanzierung des Pensionssystems zu verbessern.
Längeres Arbeiten ermöglichen
Ein späterer Pensionsantritt führt allerdings nicht automatisch zu längerer Beschäftigung. Entscheidend ist auch, welche Tätigkeiten Menschen am Ende ihres Erwerbslebens ausüben können. Mit Automatisierung und Digitalisierung erweitert die Industrie diesen Spielraum. Roboter übernehmen körperlich schwere oder monotone Tätigkeiten; digitale Assistenzsysteme und KI erleichtern komplexe Abläufe, Fehlerdiagnose und Qualitätskontrolle. So sinken Belastungen, während die Erfahrung älterer Beschäftigter stärker zum Tragen kommt. Das kann die Produktivität erhöhen und Beschäftigung bis in ein höheres Alter erleichtern. Bei Schichtarbeit, körperlich fordernden Tätigkeiten oder gesundheitlichen Einschränkungen braucht es zusätzlich Weiterbildung nach 50, passende Aufgaben und flexible Übergänge. Wer länger arbeitet, soll davon finanziell spürbar profitieren. Erst wenn Technik, Arbeitsgestaltung und Anreize zusammenspielen, führt ein späterer Pensionsantritt tatsächlich zu längerer Beschäftigung.
Vor dem Aufschwung handeln
Ein Aufschwung bringt Aufträge. Eine Personalreserve bringt er nicht mit. Fachkräfte lassen sich nicht kurzfristig ausbilden, versäumte Wissensübergaben nur schwer nachholen. Die Vorbereitung auf die Erholung beginnt deshalb lange, bevor die Nachfrage zurückkehrt. Der derzeit geringere Personalbedarf darf den Blick darauf nicht verstellen. Wer erst handelt, wenn der Fachkräftemangel wieder die Schlagzeilen bestimmt, beginnt zu spät.


