Bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Tiroler Sparkasse und IV Tirol diskutierten führende Stimmen aus Industrie und Finanzwelt über Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen, Innovation und Standortpolitik. Im Zentrum stand die Frage, wie Tirols Industrie unter veränderten globalen Bedingungen handlungsfähig bleibt.
Wirtschaftliche Unsicherheit, geopolitische Spannungen, hohe Kosten und neue technologische Möglichkeiten verändern die Grundlagen industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Unter dem Titel „Resiliente Industrie 2035“ luden die Tiroler Sparkasse und die Industriellenvereinigung Tirol deshalb am 9. Juni zu einem Abend, der Standortdiagnose, industrielle Praxis und strategische Zukunftsfragen miteinander verband. Patrick Götz, Vorstand der Tiroler Sparkasse, betonte bereits zu Beginn, dass Unternehmen in herausfordernden Zeiten mehr brauchen als klassische Finanzierung. Entscheidend sei, Geschäftsmodelle zu verstehen, Investitionen zu ermöglichen und Vertrauen für unternehmerische Entscheidungen zu schaffen. IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer unterstrich die Bedeutung dieses Austauschs: Tirol sei nicht nur Tourismusland, sondern vor allem ein Industrieland. Der produzierende Bereich sei der zentraler Wertschöpfungsmotor Tirols. Gerade deshalb brauche es den Dialog zwischen produzierenden Unternehmen, Finanzwelt und Interessenvertretung auf Augenhöhe.
Rahmenbedingungen entscheiden
Eine volkswirtschaftliche Einordnung lieferte Stefan Haigner von der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung. Er zeigte, warum Resilienz für die Industrie keine abstrakte Managementformel ist, sondern eng mit Standortbedingungen zusammenhängt. Wer unter veränderten Rahmenbedingungen wettbewerbsfähig bleiben will, braucht Spielräume für Investitionen, Forschung und Anpassung. Haigner machte deutlich, wie stark Lohnstückkosten, Energiepreise und Bürokratie auf die Exportfähigkeit wirken. Gerade für eine exportorientierte Industrieregion wie Tirol entscheidet sich Resilienz daher nicht allein im Unternehmen, sondern auch an der Qualität des wirtschaftspolitischen Rahmens. Globale Krisen könne man nicht steuern, die eigene Reaktion darauf sehr wohl.
Resilienz aus industrieller Praxis
Karlheinz Wex, Vorstandsvorsitzender der Plansee Holding und Vizepräsident der IV Tirol, brachte die Perspektive eines global tätigen Tiroler Industrieunternehmens ein. Plansee steht mit Molybdän und Wolfram in hochspezialisierten Anwendungen weltweit in führenden Positionen: von der Medizintechnik über die Displayherstellung bis zur Halbleiterindustrie und zum Flugzeugbau. Für Wex entsteht Resilienz nicht durch Improvisation im Krisenfall, sondern durch langfristiges Denken. Dazu gehören robuste Strukturen, klare Ziele, internationale Produktionsnetzwerke, Rohstoffsicherung, kontinuierliche Investitionen und Vertrauen in Kunden, Mitarbeiter und Partner. Deglobalisierung, Lieferketten, Rohstoffzugang, Exportkontrollen, Friendshoring und Datensouveränität prägen längst strategische Entscheidungen in international tätigen Industrieunternehmen. Plansee setzt dabei auf Antizipation statt Reaktion. Recycling, Lieferantendiversifizierung, dezentrale Verantwortung und die Entwicklung neuer Produkte sind für Wex zentrale Bausteine, um Wettbewerbsfähigkeit auch unter unsicheren globalen Bedingungen abzusichern.
Technologie als Standortfrage
Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende von Infineon Technologies Austria und Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung Österreich, weitete den Blick auf Österreich und Europa. Ihre zentrale Botschaft: Resilienz ist wichtig, aber sie reicht nicht. Wer im internationalen Wettbewerb bestehen will, braucht technologische Stärke, industrielle Skalierung und eine klare Ambition. Am Beispiel von Künstlicher Intelligenz, Mikroelektronik und Quantencomputing zeigte Herlitschka, wie stark globale Wertschöpfung künftig von Schlüsseltechnologien geprägt wird. Europa sei in der Grundlagenforschung vielfach stark, müsse aber entschlossener in industrielle Umsetzung, Skalierung und Marktfähigkeit kommen. Genau hier liege eine zentrale Aufgabe für Österreichs Industriestrategie 2035: Das Land müsse wieder stärker auf Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft, wirtschaftliche Souveränität und Fachkräftepotenzial ausgerichtet werden. Herlitschka verband diese Perspektive mit einem klaren Anspruch: Österreich soll zu den zehn wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt zählen. Dafür brauche es nicht nur gute Ideen, sondern Geschwindigkeit, Kapital, Technologieoffenheit, starke europäische Standortpolitik und den Willen, industrielle Wertschöpfung in Europa zu halten.
Diskussionsrunde: Kapital, Mut und Reformen
In der anschließenden Diskussionsrunde wurden die Impulse des Abends aus unterschiedlichen Perspektiven weitergeführt. Mit Ingo Bleier, Vorstand für Corporates & Markets der Erste Group Bank, Karlheinz Wex, Sabine Herlitschka, Joe Empl vom EMPL Fahrzeugwerk und Eduard Fröschl, Unternehmer und Bundesvorsitzender der Jungen Industrie, trafen Finanzwelt, Industrie und junge Unternehmergeneration aufeinander.
Bleier verwies auf die Bedeutung von Kapitalmarkt, Finanzierung und Venture Capital für Forschung, Entwicklung und Innovation. Empl zeigte, wie Spezialisierung, neue Antriebstechnologien sowie Sicherheits-, Verteidigungs- und Katastrophenschutzanwendungen industrielle Chancen eröffnen können. Fröschl brachte die Generationenperspektive ein: Junge Menschen müssten spüren, dass sich Einsatz, Verantwortung und Risiko lohnen. Weniger Bürokratie, mehr Vertrauen, klare Leistungsanreize und eine stärkere kapitalgedeckte Zukunftsvorsorge seien dafür zentrale Hebel. Die Diskussion machte sichtbar, worauf es für den Industriestandort jetzt ankommt: langfristig denkende Unternehmen, ausreichend Kapital für Innovation, technologische Souveränität und Rahmenbedingungen, die Investitionen wieder erleichtern. Resilienz entsteht dort, wo unternehmerischer Mut auf verlässliche Strukturen trifft – und wo der Anspruch besteht, Zukunft nicht nur abzusichern, sondern aktiv zu gestalten.


