Globale Machtpolitik und technologische Umbrüche setzen das europäische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell unter Druck. Das 35. Tiroler Wirtschaftsforum zeigte eindrücklich: Europa kann in zentralen Zukunftsfragen wieder nach vorne kommen, wenn es jetzt handelt. Ob KI, Wettbewerbsfähigkeit oder Sicherheit: Die Voraussetzungen sind vorhanden.
Europa verfügt über Weltklasse-Unternehmen, exzellente Forschung und einen der größten Märkte der Welt. Jetzt gilt es, diese Stärken zu nutzen, schneller in die Umsetzung zu kommen und sich nicht durch Überregulierung und unklare Zuständigkeiten selbst auszubremsen. „Wer erfolgreich bleiben will, kann nicht darauf warten, dass die Mitbewerber wieder nach den Regeln von gestern spielen“, betonte IV-Tirol-Präsident Max Kloger in der Eröffnungsrede. Die USA und China setzten ihre Macht gezielt ein, während Europa hoffe, dass sich alle an gemeinsame Regeln halten. „Europa muss wieder Machtpolitik lernen“, so Kloger – und forderte, dass Brüssel seinen Regulierungswahn endlich in den Griff bekommen müsse. „Wir können nicht von europäischer Technologieführerschaft reden und gleichzeitig diejenigen ausbremsen, die sie möglich machen sollen.“ Was die europäische Wirtschaft braucht, um international wieder auf Wachstumskurs zu kommen und Wohlstand zu sichern, sind weniger Regulierungen, niedrigere Lohnnebenkosten, planbare Energie und schnellere Verfahren. Auch Landeshauptmann Anton Mattle appellierte an „Mut und Selbstbewusstsein“ der Wirtschaft.
Tempo und Anwendung entscheiden
In den entscheidenden Zukunftsfeldern fehlt es Europa nicht an Wissen oder technologischen Fähigkeiten, sondern vor allem an Tempo bei der Umsetzung. Andreas Klauser, CEO der PALFINGER AG, zeigte, wie Unternehmen Lieferketten neu denken und KI für schnellere Analysen nutzen können. Auch Angie Gifford, ehemalige Führungskraft bei Meta, Microsoft und HP, sieht den KI-Zug für Europa noch nicht abgefahren: Europas große Chance liegt darin, bestehende KI-Lösungen rasch in die industrielle Anwendung zu bringen. Gleichzeitig zeigt der Blick nach China, wie entscheidend Geschwindigkeit geworden ist. Jörg Wuttke, langjähriger Präsident von BASF China, bezeichnete das Land als „Fitnesscenter der Welt“: schneller, effizienter und risikofreudiger. Europa darf deshalb nicht länger warten, bis andere Technologien zur Marktreife bringen und Standards setzen. Es muss selbst schneller ins Handeln kommen. Dafür braucht es innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, kürzere Genehmigungsverfahren und mehr Freiraum für jene Unternehmen, die neue Technologien tatsächlich in die Anwendung bringen. Wer bei industrieller KI vorne sein will darf die umsetzenden Betriebe nicht ausbremsen
Konflikte verlangen europäische Handlungsfähigkeit
Auch muss Europa lernen, für seine eigenen Sicherheit Verantwortung zu übernehmen. Andreas Schwer, CEO vom Rüstungskonzern EOS verdeutlichte am Beispiel moderner Drohnentechnologie, wie rasant sich militärische Bedrohungen verändern und wie wichtig eigene technologische Fähigkeiten für den Schutz kritischer Infrastruktur sind. Doch europäische Handlungsfähigkeit endet nicht an den eigenen Grenzen. Nahost-Experte Karim El-Gawhary machte deutlich, dass Europa auch gegenüber seiner Nachbarregion im Nahen Osten wieder aktiver auftreten und verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen muss. Gleichzeitig gilt es, Konflikten innerhalb unserer Gesellschaften zu begegnen. Kai Diekmann, der ehemalige Chefredakteur der Bildzeitung, plädierte angesichts von Populismus und emotionalisierten Debatten für klare Kommunikation, positive Gegennarrative und den Mut zu notwendigen Reformentscheidungen. Die gemeinsame Botschaft: Europa darf Konflikte nicht nur verwalten oder auf Entwicklungen reagieren. Es muss selbstbewusst Position beziehen und seine Zukunft aktiv mitgestalten.
Von der Analyse ins Handeln
Für die Rückgewinnung europäischer Stärke braucht es jetzt politische Weichenstellungen, die vor dem Wettbewerb kommen und nicht danach – und Unternehmen, die Chancen erkennen und Neues wagen. Europa kann die aktuellen Herausforderungen bestehen und muss jetzt anpacken.
Ein besonderer Dank gilt dem MCI Innsbruck für die erneut hervorragende Organisation des Tiroler Wirtschaftsforums. Ebenso danken wir allen Partnern, die mit ihrem Engagement diese wichtige Diskussionsplattform der Tiroler Industrie und Wirtschaft möglich gemacht haben.


