Michael Mairhofer, Geschäftsführer der IV Tirol, spricht im Interview mit Tammo Toppe, Praktikant in der Öffentlichkeitsarbeit der IV Tirol, über die heimische Innovationskraft, Herausforderungen für den Standort Tirol und Best Practices in der europäischen Nachbarschaft.
Wie würde Tirol ohne seine Industrie aussehen?
Michael Mairhofer: Kurz gesagt: Tirol wäre deutlich ärmer. Und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht. Die Industrie erwirtschaftet rund ein Drittel der gesamten Wertschöpfung in Tirol und bietet etwa 40.000 Menschen einen Arbeitsplatz.
Darüber hinaus würde Tirol aber auch an Zukunftsfähigkeit verlieren. Unsere Industrieunternehmen entwickeln innovative und nachhaltige Produkte, investieren in Forschung und denken langfristig. Dieser Innovationsgeist prägt unseren Standort wesentlich. Würde die Industrie fehlen, dann wäre das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich und technologisch ein großer Verlust.
Du bist regelmäßig im Austausch mit den Unternehmen. Wie nimmst du die Stimmung am Standort Tirol derzeit wahr?
Zu Beginn des Jahres 2026 war die Stimmung eigentlich erfreulich positiv. Der Geschäftsklimaindex der IV Tirol ist auf 33 Punkte gestiegen, was seit Langem wieder ein positives Signal war.
Dann kam jedoch die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten. Das hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Energiepreise, die für viele Industriebetriebe von entscheidender Bedeutung sind. Wir haben daraufhin gesehen, dass unser Stimmungsbarometer wieder auf 24 Punkte abgesunken ist.
Insgesamt würde ich die Stimmung als vorsichtig und abwartend beschreiben. Besonders bei Investitionen spüren wir eine große Zurückhaltung.
Was brauchen die Unternehmen in diesem angespannten Umfeld, um wieder stärker wachsen zu können?
Wenn ich es auf einen Begriff reduzieren müsste, dann wäre das Planbarkeit.
Die Unternehmen benötigen verlässliche Rahmenbedingungen. Das beginnt bei wettbewerbsfähigen und kalkulierbaren Energiepreisen. Es betrifft aber ebenso Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren. Unternehmen müssen wissen, wie lange Verfahren dauern und worauf sie sich verlassen können.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch hier geht es letztlich um Planbarkeit. Unsere Unternehmen können mit Herausforderungen sehr gut umgehen. Entscheidend ist jedoch, dass sich die Rahmenbedingungen nicht laufend verändern.
Tirols Unternehmen agieren international, und das erfolgreich. Damit sind sie unmittelbar auch dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Warum produzieren sie nach wie vor gerne am Standort Tirol?
Besonders häufig höre ich von unseren Mitgliedsunternehmen, wie sehr sie die hohe Motivation und Loyalität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen. Viele Beschäftigte bleiben über lange Zeit im Unternehmen, was sich natürlich positiv auf die Betriebe auswirkt.
Außerdem verfügen wir über ausgezeichnete Hochschulen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie ist ein Garant für die Innovationskraft unseres Standorts.
Hinzu kommt die besondere Unternehmensstruktur. Viele Industriebetriebe in Tirol sind familiengeführt und eng mit dem Standort verbunden. Selbst wenn eine Produktion im Ausland teilweise günstiger wäre, halten viele Unternehmen bewusst an Tirol fest.
Was müsste passieren, damit Unternehmen künftig noch lieber in Tirol produzieren und investieren?
Wir müssen die Standortkosten stärker in den Griff bekommen.
Dabei sprechen wir vor allem über Arbeitskosten, Energiekosten und Bürokratiekosten. Ziel muss es sein, dass Unternehmen gerne die nächsten Investitionen wieder am heimischen Standort tätigen und nicht gezwungen sind, diese ins Ausland zu verlagern.
Nun hat Tirol eine Lage zwischen großen europäischen Nachbarn wie Italien und Deutschland. Blicken wir über die Grenzen hinaus. Gibt es Länder oder Regionen in Europa, die als Vorbild für eine gelungene Standortpolitik dienen können?
Ich würde hier zwei Beispiele nennen.
Das erste: die Schweiz. Es ist auch ein Hochlohnland, und trotzdem gelingt es der Schweiz, ihre industrielle Produktion wettbewerbsfähig zu halten und weiterzuentwickeln.
Vor Kurzem waren wir mit einigen Mitgliedsunternehmen auf einer Technologiereise bei den Eidgenossen. Besonders aufgefallen ist mir ihr Pragmatismus. Während wir häufig lange diskutieren, werden dort Herausforderungen rascher erkannt und Lösungen schneller umgesetzt.
Das zweite Beispiel ist Dänemark. Das Land ist in vielerlei Hinsicht mit Österreich vergleichbar: hohe Löhne, hohe Lebenshaltungskosten und ein ausgeprägter Sozialstaat.
Aber was Dänemark uns vormacht, ist, wie ein moderner Staat funktionieren kann. Wir haben in Österreich durch die föderale Struktur eine aufgeblähte Verwaltung. Dänemark ist ein schlanker Staat, ein digitaler Staat mit konkreten Rahmenbedingungen. Viele Prozesse sind digitalisiert und effizient organisiert. Das schafft Verlässlichkeit und genau jene Planbarkeit, die Unternehmen benötigen.
Der Europäische Binnenmarkt ist der größte der Welt. In Gesprächen mit Unternehmen hört man oft: Europa ist Fluch und Segen zugleich. Warum?
Grundsätzlich ist die Europäische Union für Österreich und Tirol ein großer Gewinn. Der gemeinsame Binnenmarkt hat der österreichischen Industrie über Jahrzehnte enorme Wachstumschancen eröffnet.
Gleichzeitig sehen wir aber, dass sich die EU in den letzten Jahren in manchen Bereichen von den wirtschaftlichen Realitäten entfernt hat. Europa setzt vielfach auf hohe regulatorische Standards und hofft, dass andere Weltregionen diesem Beispiel folgen. Das ist jedoch nicht immer der Fall.
Mit den USA und vielen asiatischen Staaten haben wir starke Wettbewerber, die teilweise andere Prioritäten setzen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass Europa seine Unternehmen mit immer neuen Regulierungen überlastet.
Beispiele dafür sind die Entgelttransparenzrichtlinie oder bestimmte Vorgaben im Bereich der Verpackungsverordnung. Die Ziele dahinter sind gut gemeint, aber die Ausführung so komplex, dass es unsere Unternehmen behindert und die Wettbewerbsfähigkeit einschränkt. In diesen Dingen ist die EU einfach auf dem Holzweg.
Warum setzt du dich trotz aller äußeren Herausforderungen gerne für die Industrie in Tirol ein?
Ich bin viel in den Betrieben draußen. Natürlich sehe ich dort moderne Produktionsanlagen, Automatisierung und zunehmend auch Anwendungen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Das Spannendste für mich sind aber die Menschen.
Mich beeindruckt immer wieder, mit welcher Motivation, welchem Engagement und welchem Stolz die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeit verrichten. Viele arbeiten seit Jahren oder sogar Jahrzehnten für dasselbe Unternehmen und brennen für ihre Produkte.
Dieser Einsatz und diese Verbundenheit zeigen mir immer wieder, warum es wichtig ist, für den Erhalt und Ausbau dieser Branche zu kämpfen. Die Industrie prägt Tirol nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich.
Das Interview führte Tammo Toppe, Praktikant in der Öffentlichkeitsarbeit der IV Tirol.


